08.09.2015| Von: Andreas Kern |

Die Lage an den Aktienmärkten hat sich zunächst einmal beruhigt. Nach dem heftigen Kurseinbruch und der schnellen Gegenbewegung zeigen sich die Börsianer seit knapp zwei Wochen relativ orientierungslos. Der DAX pendelt seitdem zwischen den Marken von 9900 und 10400 Punkten hin und her. Damit bleibt vorerst ungeklärt, ob wir noch eine zweite Korrekturwelle erleben oder das Schlimmste bereits überstanden ist. Die von uns befragten Top-Trader indes haben eine klare Meinung bezüglich der zukünftigen DAX-Entwicklung. Wie hier in der vergangenen Woche bereits ausgeführt, glaubt die Mehrheit der von uns befragten Trader, dass die jüngste Schwächephase nicht der Beginn eines nachhaltigen Crashs war. Vielmehr wird trotz eines wahrscheinlich ungemütlichen Herbsts zum Jahresende ein DAX-Stand zwischen 10500 und 11000 Punkten erwartet. Gleichzeitig haben wir die Trader auch zu ihren mittelfristigen Aussichten befragt. Hier zeigen sich die meisten Akteure ebenfalls zuversichtlich.

Allerdings gibt es durchaus auch einige mahnende Stimmen. Zu den größten Optimisten zählen die Vermögensverwalter von AdVertum („sehr positiv“) und der WSS Vermögensmanagement GmbH, die für die Zukunft ganz einfach nur „steigende Notierungen“ erwarten. Ebenfalls positiv gestimmt ist der erfahrene Börsianer Peyo Sivenov („peyo“), der davon ausgeht, dass die amerikanische Notenbank ein „erneutes Versprechen“ abgeben wird, „die Zinsen für lange Zeit niedrig zu halten“. Damit würde die Fed die Marktteilnehmer tatsächlich positiv überraschen. Schließlich geht der Konsens momentan davon aus, dass in den kommenden Monaten die erste kleine Anhebung der Leitzinsen verkündet wird. Genau darauf beruft sich auch Patricia Neudeck („CFInvestments“), die den ersten Platz beim wikifolio Cup errungen hat und befürchtet, dass „die Diskussionen um die Zinswende in den USA die Märkte weiter belasten können“. Eine mögliche Beruhigung „könnte eintreten, sobald Sicherheit bzgl. des ersten Zinsschritts besteht“.

Dass dieser Schritt an den Märkten bereits eingepreist ist, mag Christian Scheid („Scheid“) noch nicht so recht glauben. „Die Märkte hängen seit Jahren wie Drogenabhängige an der Nadel. Nun droht ein sehr schmerzhafter Entzug“, zeigt sich der Trader für den Fall einer echten Zinswende eher skeptisch. Sollten die Kurse an den US-Börsen weiter fallen und die Zinsen in diesem Jahr trotzdem erhöht werden, droht den Märkten nach Ansicht des Finanzjournalisten „der totale Sell-off“. Weil Fed-Chefin Janet Yellen dieses Risiko seiner Meinung nach aber nicht eingehen wird, könnte die Rally bei anhaltend niedrigen Zinsen auch noch einmal an Dynamik gewinnen: „Dann gibt es nur noch eines: Rein in Aktien“. Eher das negative Szenario hat hingegen Sebastian Reese auf dem Radar: „Die Wolken werden dunkler. Der Bullenmarkt könnte sich dem Ende nähern“, warnt der seit 2004 eigenständige Vollzeittrader. Daniel Hinze („Macronet“) rechnet zumindest mit einer anhaltenden Volatilität und empfiehlt, „besonderes Augenmerk nach China und den USA zu richten“.

Grundsätzlich herrscht unter den meisten Tradern allerdings die Meinung vor, dass man an der Börse nicht zu starr an einer Meinung festhalten, sondern situativ entscheiden sollte. Der als Daytrader aktive Michael Flender („GoldeselTrading“) bringt es auf den Punkt: „Wenn es in China keinen Crash bzw. eine Rezession gibt, bin ich weiter eher optimistisch. Wenn der Markt aber etwas anderes zeigt, werde ich die Cashquote weiter erhöhen“. Auch Dirk Hagemann („plustick“) zeigt sich von den aktuellen Diskussionen wenig beeindruckt: „Aus jahrzehntelanger Erfahrung habe ich gelernt, dass langfristige Prognosen zur Entwicklung des Aktienmarktes für mich wenig Sinn machen. Auch die Meinung von ausgewiesenen Experten schafft für mich diesbezüglich keinen Erkenntnisgewinn. Ich konzentriere mein Denken und Handeln auf die einzelnen Werte, von denen ich glaube, dass sie langfristig einen Mehrwert für den Anleger schaffen“. Genau das könnte auch für Anleger eine sinnvolle Strategie sein, wenn man sich ein Portfolio aus mehreren viel versprechenden wikifolios zusammenstellt und darauf vertraut, dass die Trader ihre Erfolgsstrategien weiter konsequent umsetzen und statt einer Meinung immer das handeln, was die Märkte gerade hergeben.