15.05.2015| Von: Filip Nestorovic |

Willkommen zu einer neuen Ausgabe unserer beliebten TradersTalk Reihe. Heute steht uns Andre Schettler - auf wikfolio.com als "GreedFear" aktiv - Rede und Antwort.

Welche Ratschläge er Einsteigern mit auf den Weg gibt? Dies und vieles mehr erfahren wir nachfolgend.

Verraten Sie uns Ihren Namen.

portrait andre schettler

Mein Name ist Andre Schettler.

Unter welchen Usernamen sind Sie auf wikifolio.com zu finden?
Auf wikifolio findet man mich unter dem Usernamen GreedFear.

Was sind Sie von Beruf?
Ich arbeite als Portfoliomanager.

Wie sind Sie zum Trading gekommen?
Ich habe mich schon sehr früh für wirtschaftliche Zusammenhänge, Unternehmensführung und das Geschehen an den Börsen interessiert. Entsprechend wählte ich später meine Studienfelder und absolvierte ein Studium zum Diplom-Betriebswirt in Deutschland und ein weiteres Studium in den Vereinigten Staaten an der UC Berkeley im Bereich Finance. Nun kann ich sagen, dass ich mein „Hobby“ zum Beruf gemacht habe. Dabei würde ich meine Art und Weise Geld anzulegen weniger als „traden“, sondern eher als „investieren“ bezeichnen.

Wie sieht bei Ihnen ein typischer Handelstag aus?
Schon allein aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit verfolge und analysiere ich das tägliche Marktgeschehen ganz genau und halte Ausschau nach interessanten Investitionsmöglichkeiten. Ich betrachte meine Handelsaktivitäten bei wikifolio allerdings weitgehend isoliert von meinem beruflichen Alltag. Wikifolio ist Teil meiner Freizeit und ich setze hier meine ganz privaten Handelsideen und -strategien um.

Wie viele wikifolios führen Sie derzeit? Sind Sie bereits „Real-Money“-Trader?
Ich führe derzeit 3 wikifolios. Davon sind 2 bereits investierbar und das dritte befindet sich nach einjähriger Testphase nun im Status publiziert. Alle 3 basieren dabei auf der gleichen Strategie des Value-Investing, dem von mir so genannten „Real-Value“-Prinzip. Alle wikifolios besitzen allerdings jeweils einen unterschiedlichen Fokus und sind daher entsprechend für unterschiedliche Investorengruppen interessant. Ich bin zwar aktuell auch in meinem wikifolio REAL VALUE 100 investiert, aber für den Status „Real-Money“-Trader reicht es derzeit noch nicht. Das ist allerdings nur eine Frage der Zeit.

Was sind für Sie die Gründe, Ihre Handelsstrategie als wikifolio zu veröffentlichen?
In erster Linie war und ist wikifolio für mich eine praktische und kostengünstige Möglichkeit ein globales, breit diversifiziertes Aktienportfolio nach meinen Vorstellungen aufzubauen, um später über ein Zertifikat darin zu investieren und so langfristig ein Vermögen aufzubauen. Viele Alternativen am Markt haben entweder nicht zu meinen Vorstellungen der Aktienanlage gepasst oder waren beim Preis-Leistungsverhältnis nicht zufriedenstellend. Zudem überzeugt wikifolio durch eine faire und transparente Kostenstruktur.

Was zeichnet grob umrissen Ihren Handelsstil (auf wikifolio.com) aus?
Ich verfolge in meinen wikifolios den Ansatz des Value-Investing. Es ist meines Erachtens der „Königsweg“, um sich langfristig ein Vermögen mit Aktien aufzubauen. Geprägt wurde bzw. wird meine Handelsstrategie maßgeblich von den Erkenntnissen großer Investoren wie Ben Graham, Warren Buffet, John Templeton oder Peter Lynch, mit deren Werken ich mich intensiv beschäftigt habe. Mit den Lehren aus der Behavioral Finance-Theorie und einem regelbasierten System versuche ich zudem Emotionen weitestgehend aus meinem Investmentprozess auszuschließen. Entscheidend sind für mich allein die Zahlen, die ein Unternehmen Jahr für Jahr liefert. Die tägliche „noise“ im Markt versuche ich so weit wie möglich auszublenden. Es gibt klare Regeln für den Kauf oder Verkauf einer Aktie, welche rein fundamental begründet sind. Value bedeutet dabei nicht einfach die Unternehmen auszuwählen, die ein niedriges Kurs-Gewinn-Verhältnis oder Kurs-Buch-Verhältnis aufweisen (diese Ratios betrachte ich in meinen Analysen z.B. überhaupt nicht). Manchmal können auch Unternehmen mit einem relativ hohen KGV „Value“-Werte sein. Der Preis allein ist nicht entscheidend. Es müssen auch gute Unternehmen sein, mit einem profitablen Geschäftsmodell, die hohe Cashflows generieren. Es gibt keine Priorisierung bestimmter Regionen oder Branchen und ich lege Wert auf ein gewisses Maß an Diversifikation. Dabei betrachte ich das wikifolio stets in seiner Gesamtheit und weniger auf Einzeltitelebene. Ich maße mir nicht an, stets die Outperformer des Jahres picken zu können, es geht vielmehr darum, öfter richtig als falsch zu liegen. Aus diesem Grund arbeite ich in meiner Strategie auch mit einer Gleichgewichtung der selektierten Werte. Aufgrund der regelbasierten Herangehensweise würde ich meine Strategie auch nicht als klassisches „buy-and-hold“-Investing bezeichnen. Werte, von denen man überzeugt ist, muss man in schwierigen Zeiten nachkaufen. Es kann teilweise Monate bis Jahre dauern, bis der Markt das wahre Potenzial einer Aktie entdeckt. Bis dahin sollte man günstigere Einstiegsmöglichkeiten nutzen. Deswegen lautet meine Devise eher: „buy-and-hold-and-buy-again“!

Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung Ihrer wikifolios?
Bis jetzt bin ich sehr zufrieden mit der (risikoadjustierten) Performance. Dabei beziehe ich mich weniger auf die absolute, als vielmehr auf die relative Entwicklung. Immerhin ist es seit gut 6 Jahren eher schwieriger mit Aktien Geld zu verlieren, als zu verdienen. Auch aus diesem Grund ist ein abschließendes Urteil zur Performanceentwicklung nach etwas mehr als 2 Jahren kaum möglich. Wie sich die wikifolios auch in schwierigeren Zeiten bewähren, muss sich erst noch zeigen und das gilt wohl für alle. Nichtsdestotrotz bin ich, wie gesagt, mit den aktuell knapp +75% (seit Beginn) im REAL VALUE 100 sehr zufrieden. Gleiches gilt für mein wikifolio REAL VALUE GLOBAL 50 (ca. +51% seit Beginn). Es ist etwas breiter diversifiziert und besitzt einen „eingebauten Absicherungsmechanismus“, um die Volatilität geringer zu halten ohne gleichzeitig auf eine angemessene Rendite zu verzichten. Dieses wikifolio soll vor allem in schwachen Marktphasen seine Stärken ausspielen (von denen es in der Vergangenheit allerdings nicht so viele gab). Mein wikifolio REAL VALUE DIVIDENDE richtet seinen Fokus auf die Dividendenrendite und Ausschüttungspolitik eines Unternehmens. Seit Beginn konnte es bereits knapp 40% zulegen.

Was war Ihr Trading-Highlight der letzten 360 Tage?
Apple verlor von Mitte 2012 bis Mitte 2013 die Gunst der Investoren und entwickelte sich zu einem wahren „Real-Value“-Titel. Ein gutes Unternehmen zu einem günstigen Preis. Der Einstieg wurde seitdem mit einer starken Performance belohnt. Das Beispiel Apple zeigt auch, wie der Herdentrieb (oder Emotionen), wenn sie einmal die Überhand gewonnen haben, eine Aktie weit von ihrem inneren Wert treiben können (KGV von 9,6 im April 2013), bevor der Markt die fundamentale Realität wieder erkennt. Und das passiert häufiger als man glaubt.

Wie beurteilen Sie das Börsenjahr 2015?
Ich bin kein großer Freund kurzfristiger Prognosen, aber wenn man sich das aktuelle makroökonomische Umfeld anschaut, ist es schwer vorstellbar, dass 2015 nicht ein weiteres gutes Jahr für Aktien werden wird. Es fehlt im anhaltenden Niedrigzinsumfeld einfach an rentierlichen Alternativen und Notenbanken weltweit befeuern das Entstehen von Preisblasen im Bereich von Sachwerten wie Aktien und Immobilien. Gleichzeitig rechtfertigen die niedrigen Zinsen (noch) höhere Aktienmarktbewertungen. Doch allen kurzfristigen Trends zum Trotz: Aktien werden wohl auch in den kommenden Jahren die Anlageform bleiben, um langfristig ein Vermögen aufzubauen.

Welche Märkte machen aktuell am meisten Spaß/Sinn?
Nimmt man Japan und die USA als Vorbild, wo die Ankündigungen und Durchführungen von „Quantitative Easing“ jeweils zu deutlichen Kursanstiegen führten, dann besteht für die Eurozone wohl aktuell das größte Kurssteigerungspotenzial unter den entwickelten Märkten. Der schwache Euro und der niedrige Ölpreis wirken zudem unterstützend für die europäische Wirtschaft. In meiner Strategie spielt diese Top-Down-Perspektive jedoch eine untergeordnete bis keine Rolle und ich selektiere Unternehmen rein auf Basis einer Bottom-Up-Analyse.

Welche Aktien bzw. Wertpapiere favorisieren Sie aktuell auf mittelfristige Sicht?
Wie bereits beschrieben, betrachte ich meine wikifolios als Gesamtheit, ohne dabei einzelne Werte überzugewichten. So gesehen favorisiere ich daher alle Titel, die sich derzeit in meinen wikifolios befinden. Besonders interessant ist allerdings die aktuelle Entwicklung bei Qualcomm.

Welches war Ihre härteste Lektion, die Sie am Markt erfahren mussten?
There is no shortcut to success!

Welche Ratschläge würden Sie einem Einsteiger mit auf den Weg geben?
1.) „Kauf‘ Aktien“! Je früher Du damit anfängst, desto besser. Sie sind ein wichtiger Schutz vor Inflation und ein elementarer Bestandteil der privaten (Alters-)Vorsorge.

2.) Nicht „buy-and-hold“, sondern „buy-and-hold-and-buy-again“! Lass‘ Dich nicht von Krisen und Börsen-Crashs abschrecken, sondern sehe diese eher als günstige Einstiegsmöglichkeit.

3.) „Vorsicht bei Hebelprodukten“! Es gibt Gründe, warum große Banken kleinen Privatanlegern kostenlose Webinare zur technischen Analyse und gleichzeitig das „passende“ Turbo-Zertifikat anbieten.

Wer den Nervenkitzel braucht, sollte - meiner Meinung nach - eher ins Kasino gehen. Da gibt’s für das Geld wenigstens noch etwas Entertainment.

Welches Buch können Sie anderen Tradern empfehlen?
Natürlich verweise ich hier zuerst auf die Werke der oben genannten Investoren. Ich empfehle aber auch immer gern die preisgekrönte Dokumentation „Inside Job“ über die Immobilien- und Finanzkrise aus dem Jahr 2010 vom Regisseur Charles Ferguson. Das ist ein wahrer Augenöffner!