Erste Warnsignale an der Nasdaq, aber noch keine Crash-Gefahr

Von der traditionellen Jahresendrally ist an den Aktienmärkten aktuell nichts zu sehen. Seit zwei Wochen befinden sich die großen Indizes im Korrekturmodus. Bieten die Rückschläge erneut die Chance zum günstigen Einstieg oder sehen wir gerade erst den Anfang eines größeren Abverkaufs?

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Die vermeintlichen Gründe für den für viele doch überraschend starken Kursrutsch liegen auf der Hand. Die Inflation steigt auf schon ewig nicht mehr gesehene Werte und die Lieferkettenproblematik belastet die weltweite Konjunktur. Dazu kommen zunehmende Sorgen um frühzeitige Leitzinserhöhungen sowie eine stärkere Zurücknahme der Anleihekäufe in den USA. Und dann ist da natürlich noch die neue Virusvariante Omikron mit allem was dazugehört. Die Corona-Pandemie ist zumindest in den Medien und auch in unser aller Alltag immer noch das beherrschende Thema. Oder sollte man das „immer noch“ durch „plötzlich wieder“ ersetzen?

Die Analysten der Helaba sind jedenfalls der Meinung, dass die Marktteilnehmer die Auswirkungen der Krise zu lange ignoriert haben und genau diese Sorglosigkeit jetzt zu der Verkaufswelle geführt hat. Ein Phänomen, das an den Börsen immer wieder zu beobachten ist. Starke Einbrüche gibt es immer dann, wenn etwas passiert, mit dem zuvor kaum einer gerechnet hat. Und gefühlt war Corona zumindest für viele Börsianer ja schon gegessen, wenn man sich die Kursrally der vergangenen 1,5 Jahre ansieht.

Dickschiffe ziehen US-Indizes nach oben

Dass sich der Anstieg der Notierungen nicht dauerhaft so fortsetzen kann, sollte grundsätzlich jedem Anleger bewusst sein. Zumal die Börsen „unter der Haube“ schon länger nicht mehr als Bullenmarkt zu bezeichnen sind. Vor allem in den USA wurden die Kurse nur von relativ wenigen, aber eben sehr bedeutenden Titeln nach oben getrieben. Zu nennen sind hier vor allem Werte wie Alphabet (Google), Microsoft und Tesla , die als Schwergewichte mit ihrer Performance die Entwicklung von Indizes wie dem S&P 500 und dem Nasdaq Composite entscheidend beeinflussen.

Trend-Indikatoren wie die Advance/Decline-Linie (zeigt die Differenzen zwischen der Anzahl gestiegener und der Anzahl gefallener Aktien) zeigen deutlich, dass die meisten anderen Aktien nicht ansatzweise so gut gelaufen sind. Die Redakteure der renommierten „Finanzwoche“ weisen in ihrer aktuellen Ausgabe darauf hin, dass es an den Aktienmärkten bei diesem Indikator vielfach zu Ausbrüchen nach unten gekommen ist, weshalb die gerade begonnene Abwärtsbewegung zunächst noch anhalten dürfte.

Aufwärtstrend an der Nasdaq intakt

Gerade die Technologieaktien an der Nasdaq sind in den vergangenen Jahren bei Privatanlegern immer beliebter geworden. Deshalb lohnt sich hier ein etwas genauerer Blick auf die Ausgangslage. Im Wochenchart des Nasdaq Composite lässt sich erst mal noch keine wirklich bedenkliche Entwicklung erkennen. Korrekturen vom aktuellen Ausmaß hat es in den vergangenen Jahren schon häufiger gegeben, ohne dass dies den völlig intakten Aufwärtstrend auch nur ansatzweise hätte gefährden können.

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Nasdaq Composite seit 2019 (wöchentlicher Chart)

Korrekturen vom aktuellen Ausmaß sind keine Seltenheit, der Aufwärtstrend ist aber intakt.

Schön zu sehen ist hier vor allem, dass die Marke von 14.175 Punkten eine massive Unterstützung darstellt. Dieses Niveau wurde zum ersten Mal überhaupt im Februar dieses Jahres erreicht und konnte dann über vier Monate lang nicht überwunden werden. Nachdem es Mitte Juni endlich weiter aufwärts ging, wurde der Bereich im Anschluss noch zweimal erfolgreich getestet, bevor es auf zu neuen Allzeithochs ging. Spätestens hier dürften viele Anleger also noch einmal auf Schnäppchenjagd gehen.

Der Wochenchart zeigt aber auch, dass im Falle eines Durchbruchs unter diese Unterstützung nach unten relativ viel Luft ist. Potenzielle Zielmarken wären dann Stand heute (2.12.2021) der Bereich um 12.500 Punkte (altes Korrekturtief und Fibonacci-Retracement). Selbst ein Abrutschen auf das alte große Hoch bei 9.838 Punkten kann bei einem nachhaltigen Absturz nicht ausgeschlossen werden. Wobei es aktuell noch keine Anzeichen gibt, dass es dazu tatsächlich zeitnah kommen wird.

Im Tageschart wird die Bedeutung der genannten Unterstützung bei 14.175 Punkten noch weiter untermauert, weil knapp darüber die 50%-Korrekturmarke der im März gestarteten Aufwärtsbewegung liegt. Gerade wenn solche Marken als „Cluster“ zusammenfallen, haben sie oftmals eine große Anziehungskraft.

Halten die 15.400?

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Nasdaq Composite seit Ende 2020 (Tageschart)

Der Aufwärtstrend ist intakt. Heute und in den nächsten Tagen wird sich zeigen, ob die Marke von 15.400 Punkten hält.

Verhindern könnte den Test dieses Bereichs noch der hier grün eingezeichnete Aufwärtstrendkanal, der aktuell bei ca. 14.740 Punkten verläuft und täglich weiter ansteigt. Als Malus für die Märkte werten wir neben dem jüngsten Fehlausbruch am alten Rekordhoch ganz aktuell die Tatsache, dass das Vorgängerhoch bei 15.403 Punkten gestern mit einer großen roten Kerze auf Schlusskursbasis unterschritten wurde. In einem intakten Bullenmarkt werden solche Niveaus von den aktiven Tradern normalerweise zum Einstieg genutzt. Hier sollten Tech-Fans heute und in den kommenden Tagen also genau hinsehen, ob der Durchbruch nachhaltig ist oder sich die Bullen doch noch aufraffen und es letztlich dann wieder nur ein Fehlausbruch wird.

Fazit: Anzeichen für einen echten Crash gibt es aktuell noch nicht. Die ersten Warnsignale sind aber unverkennbar. Die Einbahnstraße der vergangenen Jahre ist kein Selbstläufer. Anleger sollten deshalb nicht blauäugig auf immer weiter steigende Kurse vertrauen und vor allem darauf achten, ob die genannten Unterstützungen im Chart von den Käufern tatsächlich zum Einstieg genutzt werden.


 

Disclaimer: Thomas Koch ist CEFA-Investmentanalyst, Investmentspezialist für strukturierte Produkte (ISSP) und geprüfter Zertifikateberater (EDA). Seit Anfang 2006 beschäftigt er sich als freier Journalist schwerpunktmäßig mit dem Markt für Zertifikate und Hebelprodukte. Zuvor war er über fünf Jahre beim PLATOW Brief als Börsenredakteur tätig. Dort rief er Mitte 2004 den Newsletter „PLATOW Derivate“ ins Leben, für den er auch heute noch hauptverantwortlich tätig ist. Für PLATOW betreut er zudem die wikifolios PLATOW Trend & Sentiment und PLATOW Trend & Sentiment 2.0 sowie das Dachwikifolio PLATOW Best Trader Selection. Daneben schreibt er auch für das Fachmagazin „Der Zertifikateberater“. An dieser Stelle kommentiert er finanzmarktrelevante Nachrichten und Ereignisse und analysiert Aktien, in denen er möglicherweise auch im Rahmen der wikifolios engagiert ist. Der Text spiegelt die Meinung des Autors wider. wikifolio.com übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung.

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