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20.11.2017| Von: Astrid Schuch |

Christian Scheid, der auf wikifolio.com unter dem Trader-Namen "Scheid" zu finden ist, konzentriert sich in seinen beiden bislang erfolgreichsten wikifolios "Special Situations" und "Special Situations long/short" auf Sondersituationen. Dazu zählen etwa Übernahmekandidaten, besondere Ereignisse wie Gerichtstermine, Kapitalmaßnahmen uvm. Im Gespräch erklärt er, warum der Aufwärtstrend bei Internetaktien noch nicht zu Ende ist und was er von Bitcoin und Blockchain hält. Wir werfen mit Scheid einen Blick auf die Vergangenheit, auf seine fünf Jahre als wikifolio-Trader und sprechen mit ihm über die Währung der Zukunft und die Zukunft der Börsen. Viel Spaß beim Lesen! 

wikifolio.com: Herr Scheid, wir haben Sie im Oktober 2014 im Rahmen des ersten TradersTalks gefragt, welche Aktien bzw. Wertpapiere Sie auf mittelfristige Sicht bevorzugen. Ihre Antwort war: Aktien von Internetfirmen. Die Entwicklung von Facebook & Co. stünde erst am Anfang. Wie lebt es sich mit dieser Einschätzung rückblickend?
Christian Scheid: Ich war damals fest davon überzeugt, dass der Siegeszug von Facebook & Co. weitergehen wird. Klar, alles ist so gekommen. Doch für diese Vorhersage musste man kein Prophet sein. Beispiel Facebook: Das Soziale Netzwerk ist kein Modetrend, sondern hat sich inzwischen zu einem Standard entwickelt. Selbst Unternehmen kommen nicht mehr umhin, einen eigenen Facebook-Auftritt zu pflegen. Inzwischen kommt das Netzwerk auf mehr als zwei Milliarden Nutzer weltweit – eine bessere Werbeplattform gibt es nicht. Außer vielleicht Google – womit wir schon bei der nächsten globalen Internetgröße wären. Google ist das vielleicht mächtigste Unternehmen der Welt. Es verfügt über einen immensen Schatz an Informationen und Daten. Kurzum: Der Aufwärtstrend bei den Internetaktien wird sich langfristig fortsetzen.

Derzeit befinden sich in Ihren wikifolios "Special Situations" und "Special Situations long/short" keine großen Internetnamen mehr. Alibaba hatte jüngst lediglich einen Kurz-Auftritt in Ihrem Musterdepot. Woran liegt’s?
Das ist relativ einfach zu beantworten: Ich sehe in Aktien wie Amazon, Facebook, Alphabet (Google) und Alibaba keine klassischen Sondersituationen, also zum Beispiel Übernahmekandidaten oder Titel, die extrem unterbewertet sind, weil sie der Markt noch nicht entdeckt hat. Somit erfüllen die Aktien streng genommen meine "Special Situations"-Kriterien nicht. Dennoch trade ich ab und an in diesen Werten, wenn sich besondere Gelegenheiten bieten. Bei Alibaba zum Beispiel waren es die hervorragenden Quartalszahlen Anfang November und der Singles Day am 11. November. Hinzu kommt: Ich halte Aktien wie Facebook, Amazon etc. für absolute Basisinvestments, die man kaufen und liegen lassen bzw. am besten vererben sollte. Auch deshalb scheiden diese Papiere für mich eigentlich aus, da der Anlagehorizont in meinen wikifolios deutlich kürzer – in der Regel selten länger als ein Jahr – ist.

Top-wikifolios von "Scheid"  

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Vor drei Jahren haben Sie außerdem erzählt, dass Sie eine Ihrer schmerzlichsten Erfahrungen an der Börse mit dem Windanlagenbauer Nordex gemacht haben. Heute notiert die Aktie wieder unter 10 Euro – in etwa dort, wo sie auch Ende 2013 handelte. Würden Sie es wagen, und nochmal einsteigen?
Auf gar keinen Fall. Die fundamentalen Rahmenbedingungen für die Windenergiebranche insgesamt und damit auch für Nordex haben sich in den vergangenen Jahren komplett geändert. Umsätze, Gewinne und insbesondere die Auftragseingänge sind im Sinkflug. Ich sehe Nordex schon seit weit über einem Jahr sehr kritisch. Damals stand die Aktie noch bei mehr als 20 Euro. Mit den jüngsten Quartalszahlen hat sich dieser negative Eindruck verfestigt.

Was war Ihr Trading-Highlight der letzten 360 Tage?
Anfang September habe ich mit großem Erfolg die Aktien der Bitcoin Group und der The Naga Group getradet. Nach einer glatten Kurshalbierung bei den Bitcoin Group-Titeln vom Hoch bei 90 Euro innerhalb nur eines Tages habe ich in das fallende Messer gegriffen und dabei – auch mit ein bisschen Glück – fast exakt das Tagestief erwischt. Schon sieben Minuten später konnte ich die ersten Stücke mit einem Gewinn von 23,5 Prozent wieder veräußern. Weitere 18 Minuten später bescherte mir der letzte Verkauf sogar ein Plus von über 47 Prozent. Beflügelt von der Kursrallye bei der Bitcoin Group hatte ich gehofft, dass Anleger auch auf The Naga Group aufmerksam würden. Und so kam es: Die Aktie des Unternehmens, das als Entwickler einer digitalen Geldbörse vom Bitcoin-Hype profitiert, hatte sich am 4. September im regulären Handel bereits mehr als verdoppelt und bis in die Nachbörse hinein sogar verdreifacht. Auf diese dynamische Bewegung war ich frühzeitig aufmerksam geworden und habe am Nachmittag des 4. September einige Stücke erworben. Nach gerade mal einer Stunde begann ich, die Position sukzessive wieder abzubauen, was mir Gewinne von zehn bis 52 Prozent brachte. Die letzten Verkäufe des Tages erfolgten kurz nach 21 Uhr mit Gewinnen von bis zu 78 Prozent. Doch damit war die Sache noch nicht beendet. Am nächsten Morgen verfolgte ich, wie die Aktie ihren Höhenflug unvermindert fortsetzte. Um kurz nach 8 Uhr trennte ich mich dann vom noch verbliebenen Restbestand – mit Gewinnen von bis zu 138 Prozent.

Ihre beiden größten wikifolios "Special Situations" und "Special Situations long/short" liegen seit Jahresanfang deutlich im Plus. Sind Sie zufrieden mit dieser Entwicklung?
Mit Kurszuwächsen von gut 20 bzw. über 50 Prozent ist das Jahr 2017 bislang sicherlich sehr ordentlich verlaufen. Doch ganz zufrieden ist man ja nie. Vor allem größere Drawdowns ärgern mich sehr. Aber Trading ist und bleibt ein ständiger Lernprozess. Ich versuche, stetig besser zu werden.

 

wikifolio Special Situations Special Situations long/short
Erstellungsdatum 10.09.2012 09.11.2013
Performance seit Beginn 213 % 222 %
Maximaler Verlust (bisher) -18,2 % -25,5 %
Investiertes Kapital in Euro 2.279.999 826.426

 

Apropos Lernprozess: Hat sich in den letzten Jahren durch ihre Erfahrung als Trader auf wikifolio.com etwas verändert? Machen Sie heute etwas anders als damals? 
Grundsätzlich hat sich mein Trading-Ansatz nicht großartig verändert. Mein Blick gilt zuallererst der Notenbankpolitik: Sind die Zinsen unten, ist Geld billig – die beste Voraussetzung für steigende Aktienmärkte. Etwas hat sich allerdings doch geändert: Dadurch, dass Anleger viel Geld in die wikifolio-Zertifikate investiert haben, schaue ich bei meinen einzelnen Trades genauer hin als früher. Schließlich hat man als wikifolio-Trader eine gewisse Verantwortung. Dazu gehört es auch, Fehler zu reflektieren. Auch hier investiere ich mehr Zeit als früher.

Digitale Währungen als Alternative zu Dollar, Euro & Co

Großes Thema für Sie und Ihre wikifolios ist derzeit auch der Bitcoin bzw. die Blockchain. Auf guidants.com finden Sie quasi für Interessierte aussichtsreiche Aktien, die vom Hype um das Digitalgeld profitieren. Was trauen Sie dem Bitcoin noch zu?
Hier muss man unterscheiden: Die Blockchain ist quasi ein weltweites Register für alles. Experten sind davon überzeugt, dass sie eine fantastische neue Ära in den Bereichen Finanzen, Business, Gesundheitswesen, Erziehung und darüber hinaus möglich machen wird. Digitale Währungen wie Bitcoins sind nur ein Anwendungsgebiet der Blockchain-Technologie. Grundsätzlich glaube ich, dass digitale Währungen durchaus eine Alternative zu Dollar, Euro & Co. sein können. Ob es am Ende der Bitcoin wird, wage ich jedoch zu bezweifeln. Denn dazu sind die Schwächen, insbesondere in der Abwicklung von Transaktionen, zu groß. Inzwischen gibt es einige andere digitale Währungen, die dafür besser geeignet sind – zum Beispiel Bitcoin Cash. Das muss aber dennoch nicht das Ende für den klassischen Bitcoin bedeuten. Denn für viele Anleger scheint er eine Art Fluchtwährung zu sein und, ähnlich wie Gold, der Wertaufbewahrung zu dienen.

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"Ich könnte mir vorstellen, dass wir in 20 Jahren mit einer Art 'Globo' zahlen werden, eine globale Währung, die ausschließlich in digitaler Form existiert. Denn die großen Währungsräume Dollar, Euro, Yen, Pfund und Yuan sind angezählt. Die Schuldenexzesse der Vergangenheit könnten sich irgendwann rächen, sodass uns nur noch eine Art Weltwährungsreform helfen wird."
wikifolio-Trader Christian Scheid aka "Scheid"

 

Würde eine Regulierung Ihrer Ansicht nach den Kryptowährungen eher schaden oder helfen?
Ich halte generell nichts davon, Kryptowährungen zu regulieren. Das Phänomen lebt ja gerade davon, "frei" zu sein. Anders sieht es mit Initial Coin Offerings (ICOs) aus. Ich denke, wenn hier eine Art Regulierung greifen würde, würde es nicht schaden. Im Gegenteil: Die Finanzierung mittels ICO könnte vielleicht sogar noch an Bedeutung gewinnen.

Über welche Aktien spielen Sie das Bitcoin/Blockchain-Thema derzeit präferiert in ihren wikifolios?
Auch hier muss man unterscheiden. Es gibt Unternehmen wie die Bitcoin Group, die im Bereich der Kryptowährungen tatsächlich schon nennenswertes Geschäft machen. Dann gibt es solche, bei denen noch nicht ganz sicher ist, ob sie nur dem Trend hinterherjagen oder ernsthafte Absichten haben. Besondere Vorsicht ist deshalb bei Unternehmen geboten, die kürzlich Geschäftsmodell und Namen geändert haben und nun mit dem Zusatz "Blockchain" firmieren. Da es sich hier um einen starken (Mode-)Trend handelt, halte ich aber auch diese Aktien zumindest fürs Traden geeignet.

Was würden Sie einem Anleger raten, der am Bitcoin/Blockchain-Hype teilhaben will, aber eigentlich das Risiko scheut?
Bitcoin/Blockchain ohne Risiken gibt es (noch) nicht. Niemand weiß, ob es die Unternehmen, die heute in dem Bereich tätig sind oder es sein wollen, in 20 Jahren noch geben wird. Eine ähnliche Situation hatten wir Mitte/Ende der 1990er-Jahre, als der große Internet-Hype losbrach. Viele Firmen gibt es heute nicht mehr, einige sind aber auch richtig groß geworden.

Mit welcher Währung zahlen wir in 20 Jahren?
Ich könnte mir vorstellen, dass wir mit einer Art "Globo" zahlen werden, eine globale Währung, die ausschließlich in digitaler Form existiert. Denn die großen Währungsräume Dollar, Euro, Yen, Pfund und Yuan sind angezählt. Die Schuldenexzesse der Vergangenheit könnten sich irgendwann rächen, sodass uns nur noch eine Art Weltwährungsreform helfen wird. Wenn Sie mich jetzt aber nach dem Zeithorizont fragen, muss ich passen. Das System kann morgen kollabieren – oder eben auch erst in 20 Jahren.

Nährboden für weiter steigende Kurse

Welche Aktien bzw. Wertpapiere favorisieren Sie darüber hinaus mittelfristig?
Mittelfristig halte ich neben den genannten Internetaktien Papiere aus Megatrend-Branchen für sehr attraktiv. Hier möchte ich insbesondere Elektromobilität, Künstliche Intelligenz und Demografie nennen. Hier den richtigen Einzelwert herauszupicken, ist jedoch eine Herausforderung. Anleger können sich aber spezielle wikifolios ansehen, welche sich schwerpunktmäßig diesen Themen widmen. Natürlich werde ich auch weiterhin versuchen, bei "heißen" Trends wie aktuell Blockchain dabei zu sein.

Die Börsen steigen und steigen – die jüngste Korrektur, die den DAX auf knapp über 13.000 Punkte absacken ließ, ausgenommen. Ist die Luft nun raus?
Nein, im Gegenteil: Ich glaube, dass die eigentliche Party an den Märkten noch gar nicht angefangen hat. Egal, wo ich hinblicke: Ich sehe unter den Anlegern viel Skepsis – der beste Nährboden für weiter steigende Kurse. Erst, wenn diese Skepsis weicht und die Euphorie die Oberhand gewinnt, sind wir reif für eine größere Korrektur. Optimistisch bin ich auch im Hinblick auf die Bewertungen, da wir durchaus noch Luft nach oben haben – zumindest, was den Gesamtmarkt betrifft. In einzelnen Sektoren und auch bei Nebenwerten mag es durchaus die eine oder andere Übertreibung geben. Aber man sollte im Hinterkopf behalten, dass – dank der Niedrigzinspolitik der Notenbanken – Geld in Hülle und Fülle vorhanden ist. Das wird sich auch so schnell nicht ändern.

Kümmert Sie die Bewertung von Aktien mit Hinblick auf ihre "Special Situations"-Strategie eigentlich?
Grundsätzlich ist das Thema Bewertung immer von einer gewissen Bedeutung, spielt aber sicherlich nicht die Hauptrolle. Bei typischen "Special Situations" finden sich in der Regel andere Kurstreiber.

Ein neues interessantes Buch, das Sie empfehlen könnten?
Passend zum aktuellen Trend habe ich gerade damit begonnen, "Die Blockchain-Revolution" zu lesen – ein bedeutsames Werk, das die Grundlagen der neuen Technologie fundiert, umfassend und vor allem verständlich erklärt. Die Autoren Don und Alex Tapscott zählen sicherlich zu den Pionieren der Blockchain-Bewegung.

Herr Scheid, danke für das Interview.

Alle investierbaren wikifolios von Christian Scheid aka "Scheid":

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