18.03.2015| Von: Filip Nestorovic |

Der TradersTalk geht in eine neue Runde: Diesmal haben wir mit Dieter Sebastian gesprochen. Der studierte Software-Ingenieur setzt seine Handelsansätze in Form von mehreren Handelsideen mit ver-schiedenen Risikoprofilen auf wikifolio.com um. Nachfolgend teilt er seine Ansichten zum Trading und den Märkten mit unserer Community.

Verraten Sie uns Ihren Namen.

Mein Name ist Dieter Sebastian.

Dieter SebastianUnter welchen Usernamen sind Sie auf wikifolio.com zu finden?

Mein Username ist Mawero – ein Kunstwort aus den Anfangsbuchstaben von

„Mathematische Wertpa-pieroptimierung“.

Was sind Sie von Beruf?

Ich bin gelernter, studierter und promovierter Informatiker mit der Spezialisierung Software-Entwicklung. Ich war lange Jahre für Siemens in verschiedenen Hierarchien und vielen verschiedenen Aufgaben in der IT tätig. Heute betreibe ich die Website www.mawero.de und kümmere mich intensiv um meine verschiedenen Wikifolios.

Wie sind Sie zum Trading gekommen?

Anfang der neunziger Jahre beschäftigte ich mich mit der Chartanalyse und zeichnete monatelang am Wochenende die Charts großer deutscher Wirtschaftsunternehmen per Hand auf Millimeterpapier, um die Aussagen der Chartanalyse zu prüfen. Vermeintlich gut gerüstet investierte ich in Fonds und auch direkt in Aktien und wunderte mich zunehmend mehr, wie unscharf und nur sehr bedingt prognosefä-hig die Aussagen der Chartanalyse und Wellentheorie waren. Damals wusste ich noch nichts von Fa-ma‘s Markthypothese und den Grundannahmen der Portfoliotheorie. Etwa seit dem Jahr 2000 habe ich mich intensiv mit der Theorie der Finanzmärkte und insbesondere der Modernen Portfoliotheorie be-schäftigt, die entsprechenden Datenbanken mit den Kursinformationen aufgebaut und die Software für Analysen und Back-Testing sowie für die Portfolio-Optimierung geschrieben. Mit diesem Wissen und den notwendigen Tools gerüstet konnte ich nun an die praktische Umsetzung meiner Ideen für mein eigenes Depot gehen. Für die Publizierung der Ideen fand ich mit der Wikifolio-Plattform und der Wikifolio - Zertifizierungen durch Lang&Schwarz eine geradezu ideale Möglichkeit.

Wie sieht bei Ihnen ein typischer Handelstag aus?

Morgens informiere ich mich über die Ereignisse der Nacht und anstehende Wirtschaftsdaten, online und in der Tagespresse. Nach dem Börsenstart sehe ich mir Kursdaten an und verfolge die laufenden Unternehmungsmeldungen. Eine unmittelbare Handelsreaktion erfolgt in der Regel nicht, weil die In-formationen bereits ihren Niederschlag in den Kursen gefunden haben. Nur wenn die Märkte sehr stark gefallen / gestiegen sind und der von mir entwickelte Marktindikator einen Aus-/Einstieg anzeigt, über-lege ich mir die notwendigen Maßnahmen für die Wikifolios und handle entsprechend. Meine Handels-idee basiert ja grundsätzlich nicht auf der Einschätzung der möglichen Wertentwicklung eines einzel-nen Wertpapiers, sondern auf der Zusammenstellung eines Portfolios nach mathematischen Ge-sichtspunkten.

Wie viele wikifolios führen Sie derzeit? Sind Sie bereits „Real-Money“-Trader?

Derzeitig befinden sich vier Wikifolios im Status „Investierbar“, wobei ich in zwei davon Eigenkapital investiert habe. Ich meine, dass Investoren ein höheres Vertrauen in meine Handelsidee und deren Umsetzung haben, wenn ich mit eigenem Geld an den Gewinnen, vor allem aber auch an den zeitweilig möglichen Verlusten teilhabe.

Was sind für Sie die Gründe, Ihre Handelsstrategie als wikifolio zu veröffentlichen?

Viele Investoren schauen nur bzw. vorrangig auf den Gewinn einer Handelsidee und vernachlässigen das damit verbunden Risiko. Mit meinen Wikifolios will ich den Zusammenhang zwischen Rendite und Risiko verdeutlichen. Meine drei Wikifolios Effizienz1, Kapitalaufbau und Konservative Anlage1 er-möglichen ein Investment nur in Aktien (Effizienz1), in Aktien und einer „risikofreien“ Anlage (Kapital-aufbau) und nur in eine „risikofreien“ Anlage (Konservative Anlage1) – es ist also für jeden Anlegertyp etwas dabei.

Ich kann den Erfolg meiner Handelsideen direkt mit der Performance entsprechender Investmentfonds vergleichen.

Ich bin an der Publikation von echten Track Records über den Zeitraum von einigen Jahren interessiert – nur dann lässt sich der langfristige Erfolg einer Idee nachweisen.

Was zeichnet grob umrissen Ihren Handelsstil (auf wikifolio.com) aus?

Im Vordergrund steht der Ansatz, wie man mit einem Investment über einen Zeitraum von mehreren Jahren möglichst stetige Gewinne bei begrenztem Risiko einfahren kann.

Aus einer Datenbank mit den Kursreihen von derzeitig ca. 280 Aktien und Indizes werden mittels ma-thematischer Verfahren durch eine von mir entwickelte Software diejenigen Portfolios berechnet, die für das entsprechende Wikifolio das jeweils beste Rendite / Risikoverhältnis ausweist. Die entspre-chenden Stücke der jeweils zu verkaufenden / kaufenden Aktien werden bestimmt und ver- bzw. ge-kauft. Für meine Wikifolios werden jeweils am Wochenende anhand der aktuellen Wochenschlusskur-se bestimmte Kennziffern berechnet und entschieden, ob es gehalten oder angepasst wird. Wenn das Marktumfeld negativ ist, können auch alle Aktien im Wikifolio verkauft werden. Dadurch verzichtet man zwar über längere Zeiträume manchmal auf etwas Gewinn, kann jedoch auch in harten Krisenzei-ten (z.B. Internetblase 2000, Finanz- und Wirtschaftskrise 2007, Staatshaushaltskrise 2011) starke Ver-luste vermeiden.

Das erfahrungsgeprägte, subjektive Empfinden soll bei dieser Strategie keine Rolle spielen.

Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung Ihrer wikifolios?

Die Handelsideen der drei Wikifolios, die auf der Modernen Portfoliotheorie basieren, sind konse-quent umgesetzt worden, wodurch die erzielten Ergebnisse den hohen Erwartungen der entsprechen-den Rendite-/Risikoprofile entsprechen.

Was war Ihr Trading-Highlight der letzten 360 Tage?

Diese Frage kann ich leider nicht beantworten, weil das Stock-Picking durch den Algorithmus stattfin-det. Eine Bewertung der Entwicklung eines einzelnen Wertpapieres findet nicht statt, sondern fast immer nur die Bewertung des Portfolios.

Wie beurteilen Sie das Börsenjahr 2015?

Der Anfang war super – wenn es nur so weiter ginge!

Welche Märkte machen aktuell am meisten Spaß/Sinn?

Jeder Markt hat seine Eigenarten und Zukunftsperspektiven. Ersteres ist Vergangenheit und somit für die an der Börse gehandelten Gewinnerwartungen uninteressant und das Zweite kennt man nicht. Man kann darauf spekulieren, dass Öl&Gas aufgrund des Schweinezyklus-Phänomens wieder steigt. Auf-grund der Sorgen um die europäische Wirtschafts- und Finanzstabilität, kriegerischen Auseinanderset-zungen sowie von subjektiv gefühlt enttäuschenden Ergebnissen großer Volkswirtschaften könnte auch Gold wieder nachgefragt werden. Aber wann und in welchem Maße dies geschehen wird – wer weiß?

Ich vermeide jedes Währungsrisiko und konzentriere mich deshalb nur auf Aktien mit jeweiliger Hei-matbörse im Euro-Raum aus allen deutschen Indizes, die eine genügend hohe Marktkapitalisierung sowie einen ausreichenden Free Float mit einem entsprechenden Umsatz an den deutschen Börsen aufweisen.

Welche Aktien bzw. Wertpapiere favorisieren Sie aktuell auf mittelfristige Sicht?

Da ich einen anderen Ansatz verfolge, beschäftigt mich diese Frage nicht sehr. Der Optimierungsalgo-rithmus findet auf jeden Fall die aktuell am besten zueinander passenden Aktien, den Risikovorgaben entsprechend. Und weil alle Informationen und die Zukunftserwartungen aller Marktteilnehmer in den Kursen enthalten sind, brauche ich mir um solche Fragen angenehmerweise nicht den Kopf zu zerbrechen.

Welches war Ihre härteste Lektion, die Sie am Markt erfahren mussten?

Mit dem bevorstehenden Beginn des zweiten Golfkrieges im Sommer 1990 spekulierte ich mit Sicht auf wenige Monate in der Annahme einer Ölverknappung auf einen fallenden US-Dollar, was zunächst gründlich daneben ging, so dass ich mit einem (geringen) Verlust ausstieg. Hätte ich mein Investment länger gehalten, wäre mir ein ordentlicher Gewinn beschieden worden. Meine Lektion: Diversifikation und Geduld statt „Gier und Angst“.

Welche Ratschläge würden Sie einem Einsteiger mit auf den Weg geben?

Man sollte sich am Anfang eines Investments im Klaren sein, dass es auch Verluste geben kann, so dass man nur Geld anlegen sollte, das für die nächsten Jahre nicht für absehbare Ausgaben benötigt wird – und natürlich nur eigenes und nicht geliehenes Geld (der Hebelwirkung wegen). Mit dieser Ein-stellung gerüstet sollte man einen Teil in möglichst wenig schwankende Anlagen (Rentenfonds, evtl. auch Alpha-Fonds) anlegen und den anderen Teil in Aktien oder Aktienfonds. Für diesen Plan wird man eine Vielzahl von Wikifolios finden, aus denen man dann diejenigen auswählen kann, die der ei-genen Zielsetzung bzw. Risikoaversion am besten entsprechen. Der Einsteiger sollte dabei nicht zu sehr auf die in den letzten Monaten erzielte Performance schielen sondern mehr auf den Erfolg über mehrere Jahre achten und in mehrere Wikifolios investieren. Dann steht der Vermehrung seines Ver-mögens wohl nichts mehr im Wege.

Zu häufiges Traden kostet aufgrund der Differenz von Geld- und Briefkurs und der Brokerkosten Per-formance. Die theoretischen Modelle ignorieren fast alle die Kostenfrage, die jedoch für die prakti-sche Geldanlage eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt. Demzufolge empfiehlt es sich für einen Einsteiger nicht, häufig das Investment zu wechseln.

Welches Buch können Sie anderen Tradern empfehlen?

Ein sehr gutes Werk für Trader ist m.E. „Wertpapiermanagement – Professionelle Wertpapieranalyse und Portfoliostrukturierung“ von Manfred Steiner / Christoph Bruns / Stefan Stöckl. Hier werden die wichtigsten Begriffe und Zusammenhänge für Renten, Aktien und Derivate erklärt und auf zahlreiche weiterführende Literatur verwiesen. Die originalen Fachaufsätze von Fama, Samuelson, Sharpe, Tobin und natürlich von Markowitz (alle sind Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften) sind hochinte-ressant, aber wohl eher etwas für interessierte Leser, die es ganz genau wissen wollen.