22.07.2015| Von: Filip Nestorovic |

Schon längst ist es wieder an der Zeit für eine neue Ausgabe unseres TradersTalk. Diesmal ist uns wikifolio-Trader Stefan Härtel im Interview Rede und Antwort gestanden und hat uns einen spannenden Einblick in seinen Alltag als Privatinvestor gegeben.

Viel Spass beim Lesen!

Verraten Sie uns Ihren Namen

Mein Name ist Stefan Härtel.

Unter welchen Usernamen sind Sie auf wikifolio.com zu finden?
Valuemine.

Was sind Sie von Beruf?
Ich bin Diplom-Mathematiker, habe in der versicherungsmathematischen Anwendungsentwicklung gearbeitet und bin jetzt privater Investor.

Wie sind Sie zum Trading gekommen?
Gar nicht, denn ich sehe meine Tätigkeit nicht als gewinnorientiertes Handeln an der Börse, sondern als Investieren. Zum Investieren bin ich während meines Studiums der Mathematik gekommen, als ich zum ersten Mal von Warren Edward Buffett gelesen habe. Von da an war mir klar, dass man mit fundamentalen Analysen und Strategien dauerhaft an der Börse erfolgreich sein kann.

Wie sieht bei Ihnen ein typischer Handelstag aus?
Ein typischer Handelstag beginnt mit der Sichtung der aktuellen Wirtschaftsnachrichten und Börsenkurse, insbesondere meiner real und in den Wikifolios gehaltenen Positionen. Da ich aufgrund meines Anlageverhaltens mit relativ wenigen Transaktionen auskomme, studiere ich generell eine Vielzahl von Börsen- und Fachzeitschriften, um meinen Kompetenzkreis zu erweitern und neue Anlageideen zu generieren. Konkrete Anlageideen liefern mir Sortierwerkzeuge, die das Universum der Aktien nach individuell festgelegten fundamentalen Kriterien durchleuchten.

Wie viele wikifolios führen Sie derzeit? Sind Sie bereits „Real-Money“-Trader?
Derzeit betreibe ich zwei Wikifolios und in bin in beiden mit eigenem Kapital investiert.

Was sind für Sie die Gründe, Ihre Handelsstrategie als wikifolio zu veröffentlichen?
Zum einen sorgt die Transparenz der Wikifolios dafür, dass ich noch stärker als sonst meine eigene Anlagestrategie hinterfrage und auf Validität hin überprüfe. Zum anderen schafft die Transparenz eine Referenz für die mit der eigenen Anlagestrategie erzielten Rendite.

Was zeichnet grob umrissen Ihren Handelsstil (auf wikifolio.com) aus?
Die Anlagestrategien meiner beiden Wikifolios „Valuemine A“ und „Valuemine B“ sind grundsätzlich identisch und unterscheiden sich nur hinsichtlich der Diversifizierung beziehungsweise der Fokussierung:
Es sollen Investitionen in ertragsqualitativ hochwertige Unternehmen zum günstigen Preis getätigt werden. Dabei soll qualitativ vor allem auf ein krisensicheres, aber auch innovatives Geschäftsmodell, eine führende oder zumindest starke Marktstellung, einen gewissen Wettbewerbsvorteil sowie eine integere Geschäftsführung Wert gelegt werden. Dazu soll quantitativ auf einen hohen freien Cashflow, hohe Margen und hohe Ausschüttungen an die Aktionäre in Form von Aktienrückkäufen oder Dividenden Wert gelegt werden. Die Verschuldung sollte maßvoll und nachhaltiges Wachstum bei Umsatz und Gewinn erzielt worden sein.

In Wikifolio „Valuemine A“ soll eine breite Diversifizierung auf viele Titel zum Tragen kommen.

In Wikifolio „Valuemine B“ soll eine hohe Fokussierung auf wenige Titel zum Tragen kommen.

Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung Ihrer wikifolios?
Ja.

Was war Ihr Trading-Highlight der letzten 360 Tage?
Lorillard Inc.

Wie beurteilen Sie das Börsenjahr 2015?
Das aktuelle Börsenjahr ist meiner Meinung nach ein schwieriges Jahr, da die Bewertungen der meisten Wertpapiermärkte mittlerweile recht ambitioniert sind. Noch dazu dauert die Börsenhausse bereits sechs Jahre und ist gerade in der letzten Zeit rein liquiditätsgetrieben.

Welche Märkte machen aktuell am meisten Spaß/Sinn?
Die europäischen Märkte und der US-amerikanische Markt machen auf jeden Fall gar keinen Spaß mehr, interessant sind im Wesentlichen die aufstrebenden Märkte, allen voran China und Russland.

Welche Aktien bzw. Wertpapiere favorisieren Sie aktuell auf mittelfristige Sicht?
Unter den von mir favorisierten Unternehmen finden sich zum Beispiel mehrere der sechs Casinobetreiber in Macao, die durch die Antikorruptionskampagne der chinesischen Regierung in der letzten Zeit sehr stark gelitten haben. Ebenfalls interessant finde ich russische Unternehmen, die nicht in der Rohstoffgewinnung tätig sind, zum Beispiel nichtzyklische Telekommunikationsdienstleister.

Welches war Ihre härteste Lektion, die Sie am Markt erfahren mussten?
Selbst wann man sich hundertprozentig sicher ist, eine Blase in einem Wertpapier, einem Vermögensgegenstand oder einem Markt erkannt zu haben, kann es sowohl gefühlt als auch real unendlich lange dauern, bis die Blase platzt. Darauf erfolgreich zu spekulieren ist sehr schwierig und kann sehr kostspielig sein. Zum Glück bin ich selbst bislang von dieser Erfahrung verschont geblieben.

Welche Ratschläge würden Sie einem Einsteiger mit auf den Weg geben?
Wertpapiere haben per se keinen Selbstzweck, sondern sind nur Mittel zum Zweck der Kapitalerhaltung und -mehrung. Daher sollte sich jeder Einsteiger erst einmal damit beschäftigen, dass der Wert eines Wertpapiers nur aus dem Barwert der abgezinsten zukünftigen Zahlungsrückflüsse resultiert.

Welches Buch können Sie anderen Tradern empfehlen?
Ein Buch über simple Finanzmathematik und jeweils ein Buch über die Anlagestrategien von Benjamin Graham, Philip Arthur Fisher und Warren Edward Buffett.