Auch für die US-Wahl gilt: Politische Börsen haben kurze Beine

Am 3. November ist Wahltag. Die US-Amerikaner werden zu den Urnen– bzw. angesichts der angespannten Covid-19-Lage verstärkt zur Briefwahl gebeten. An den Börsen herrscht derweil der Jahreszeit angepasste Gruselstimmung.

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Der S&P 500 wird nach aktuellem Stand die laufende Woche mit Verlusten beenden, genau wie auch schon die Woche davor. Zurückzuführen ist die eingetrübte Stimmung teils auch auf die anstehende Wahl. Die Angst vor einem umstrittenen Ergebnis ist spürbar, wenn auch nicht neu. Schließlich wettert Amtsinhaber Donald Trump schon seit geraumer Zeit gegen die Briefwahl. Erst am Montag forderte er ein Wahlergebnis noch am Wahltag. Im Normalfall liegt ein solches auch vor, doch 2020 ist bekanntlich kein normales Jahr. In manchen Bundesstaaten dürften Briefwahlstimmen noch Tage nach der Wahl ausgezählt werden.

Kein „normales“ Jahr

Neben der Wahl sorgen vor allem die steigenden Corona-Infektionszahlen sowie der in diesem Zusammenhang verkündete deutsche „Quasi-Lockdown“ auch in Übersee für lange Gesichter unter den Börsianern. Dass 2020 nicht „normal“ ist, zeigt daher auch ein Vergleich der aktuellen Performance des S&P 500 mit vergangenen Wahljahren. So weist der S&P 500 zwei Wochen vor dem Wahltermin in der Regel eine negative Wochenrendite aus. So geschehen auch 2020. Doch in der letzten Woche vor der Wahl-Woche steigt die US-Benchmark häufiger als sie fällt. Das dürfte sich im laufenden Jahr allerdings nur schwer ausgehen. Seit der Schlussauktion vom Freitag hat der S&P 500 etwas mehr als fünf Prozent verloren. Börsianer haben nur zwei Handelstage Zeit, um diese Lücke zu schließen.

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Die Frage bleibt: Beeinflusst die US-Präsidentschaftswahl tatsächlich die Performance des Aktienmarktes? Oder verhalten sich die Börsen in Übersee in Wahljahren vielmehr genauso wie in Nicht-Wahljahren? Einen Erklärungsversuch liefert die obenstehende Grafik, die auf S&P 500-Preisdaten seit 1928 basiert. Sie zeigt die Verteilung der Renditen des S&P 500 in Wahl- sowie Nicht-Wahljahren in den Kalenderwochen 43 bis 47. Die US-Präsidentschaftswahl findet stets am Dienstag in der 45. Kalenderwoche statt.

Ein weiterer Faktor, der den Börsianernerv streichelt

Ersichtlich wird schnell die Normalverteilung der Renditen in Jahren, in denen nicht gewählt wird. Das ist nicht sonderlich überraschend, schließlich sollte der Aktienmarkt – sofern er nicht gerade von einer Finanzkrise à la 2008 oder eben einer Pandemie heimgesucht wird – im Normalfall bzw. der Erwartung entsprechend im Wochenvergleich unverändert tendieren oder leicht zulegen. Die Grafik zeigt genau das: Eine häufig leicht positive Performance in den fünf beobachteten Wochen.

Deutlich wird außerdem sofort der Performance-Unterschied in den Kalenderwochen 43 bzw. 47, je nachdem, ob es sich um ein Wahljahr handelt oder nicht. Wird gewählt, dann geben die Kurse zwei Wochen vor der Wahl häufiger und auch etwas stärker nach. Die Kurve ist höher und etwas weiter links. Die Streuung der Renditen ist dafür geringer. All das ließe sich eventuell mit der steigenden Unsicherheit kurz vor der Wahl erklären.

Zwei Wochen nach der Wahl zeigt sich ein anderes Bild: Wird gewählt, steigen die Kurse häufiger und mehr als in einem ereignislosen Nicht-Wahljahr. Die analoge Schlussfolgerung könnte sein, dass sich der Staub bis dahin gelegt hat, der Wahlsieger feststeht und somit die Unsicherheit ausgepreist wird.

Kurzum: Kurzfristig unterscheiden sich Wahljahre definitiv von Nicht-Wahljahren. Es ist einfach ein weiterer Faktor, der die Gemüter der Börsianer vorübergehend schon mal erhitzen oder eben abkühlen kann.

Republikaner-Sieg sorgt für Aufwind – kurzfristig

Darüber hinaus sehen Börsianer einen republikanischen Wahlsieger offenbar lieber als einen Demokraten. Gewinnt ein Republikaner die Wahl, steigen die Börsen unmittelbar danach etwas mehr bzw. häufiger. Ein demokratischer Wahlsieg führte in der Vergangenheit indes meist zunächst sogar zu fallenden Kursen.

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Auch der demokratische Kandidat Joe Biden galt zeitweise als Börsenschreck. Seine Pläne, Steuererleichterungen zurückzunehmen und die großen Tech-Konzerne zu zerschlagen, verunsicherten einige Anleger. Außerdem distanzierte er sich von der Wall Street. Mittlerweile hat sich das Blatt aber gewendet. Immer mehr Chefs der Großbanken und Konzerne wenden sich von Trump enttäuscht ab und unterstützen Biden, zitiert boerse ARD den CNBC-Finanzexperten Brian Schwartz: „Sie glauben nicht, dass Trump der Richtige ist, das Land aus der Corona-Krise herauszuführen.“

Seit 1928 haben die USA übrigens 23mal gewählt. 12mal gewann ein Demokrat, 11mal ein Kandidat der republikanischen Partei. Das Verhältnis ist also recht ausgewogen.

Langfristig keine Performance-Unterschiede

Die Hamburger Sutor Bank ist speziell der Frage nachgegangen, wie sich der S&P 500 in den Jahren entwickelt hat, in denen der Präsident Republikaner oder Demokrat war. Verglichen wurde die Jahres-Performance von Oktober bis Oktober seit 1929.

Ausgewogenheit dominiert auch hier: Demnach stehen 30 Jahre mit positiver Performance des S&P 500 unter republikanischen Präsidenten 37 Jahren mit positiver Performance unter demokratischen Präsidenten gegenüber. Bei den Verlustjahren sind es 14 auf republikanischer Seite und 11 auf demokratischer Seite. 

Wie sich der S&P 500 entwickelt, hat langfristig also wenig bis gar nichts mit dem Präsidenten oder einer Wahl zu tun. Nicht umsonst heißt es, politische Börsen haben kurze Beine.


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