17.02.2015| Von: Filip Nestorovic |

In unserer aktuellen Ausgabe des TradersTalk haben wir mit Dr. Ludwig Ulmer gesprochen. Als "ludwigulmer" versucht der Rechtsreferander seine Handelsansätze in Form mehrerer Strategien auf wikifolio.com umzusetzen.

Wie bewertet er das Börsenjahr 2015?

Seine Ansichten zum Trading und dem Marktgeschehen teilt er nachfolgend mit unserer Community.

Viel Spaß beim Lesen!

Verraten Sie uns Ihren Namen.

Dr. Ludwig Ulmer

Portrait Ludwig Ulmer

Unter welchen Usernamen sind Sie auf wikifolio.com zu finden?

LudwigUlmer

Was sind Sie von Beruf?

Ich bin derzeit Rechtsreferendar am LG Bonn.

Wie sind Sie zum Trading gekommen?

Zum Trading gekommen bin ich, als im Zuge der Finanzkrise einer meiner Freunde eine Runde innerhalb des FAZ-Börsenspiels organisierte und mich dazu einlud. Durch die Erholung, die nach den massiven Kursstürzen folgte, haben wir alle sehr gut abgeschnitten, was Lust auf mehr gemacht hat.

So habe ich mehr und mehr ausprobiert und schließlich auch mein in Nebenjobs verdientes Geld angelegt.

Wie sieht bei Ihnen ein typischer Handelstag aus?

Da meine Strategien recht langfristig angelegt sind, gibt es den typischen Handelstag eigentlich gar nicht. Ich schaue dennoch täglich nach meinen wikifolios, um festzustellen, ob sich Handlungsbedarf ergibt. Das kann aber sowohl in einer Pause am Computer, als auch unterwegs auf meinem Handy

geschehen. Die eigentliche Arbeit der Analyse von Dividendenzahlungen und Buchwertentwicklungen der verschiedenen Unternehmen erfolgt ohnehin unabhängig von Börsenöffnungszeiten und somit dann, wenn mein Job als Rechtsreferendar es zulässt.

Wie viele wikifolios führen Sie derzeit? Sind Sie bereits „Real-Money“-Trader?

Ich führe derzeit 3 Wikifolios habe aber noch bei keinem den Status als Real-Money Trader beantragt.

Was sind für Sie die Gründe, Ihre Handelsstrategie als wikifolio zu veröffentlichen?

Nachdem ich über das Handelsblatt auf wikifolio.com aufmerksam geworden war, wollte ich das Ganze zunächst einmal einfach nur ausprobieren. Nachdem die Testphase viel Spaß gemacht hat, habe ich dann angefangen ernsthaft zu überlegen, wie man wikifolio sinnvoll einsetzen könnte. Da ich als

Student natürlich nur sehr geringe Geldbeträge bewegen konnte, war der offensichtlichste Vorteil die Möglichkeit einer verhältnismäßig breiten Streuung mit geringem Kapital. Zusätzlich konnte antizyklisch gehandelt werden, ohne für jeden Trade Transaktionskosten zu zahlen. Mein Entschluss

meine Handelsstrategie zu veröffentlichen war insoweit egoistischer Natur. Ich wollte selbst in meine wikifolios investieren. Die Möglichkeit, andere von der Idee zu überzeugen, habe ich zunächst gar nicht bedacht. Allerdings sind die Investitionen in meine Wikifolios natürlich eine schöne Bestätigung.

Was zeichnet grob umrissen Ihren Handelsstil (auf wikifolio.com) aus?

Dieser unterscheidet sich natürlich je nach wikifolio, da ich mit meinen wikifolios verschiedene Ansätze verfolge.

1) Dividendensteigerung: In diesem wikifolio ist der Name Programm. Es werden Unternehmen gekauft die stets Ihre Dividenden steigern. Denn zum einen ergibt sich so langfristig eine interessante Verzinsung des investierten Kapitals. Zum anderen zeigt die historische Analyse,

dass ein Aktienkorb aus solchen Dividendenaristokraten besser abschneidet als der Marktdurchschnitt.

2) Value Ansatz mit deutschen Aktien: Dieser Ansatz lebt von der Annahme, dass historisch betrachtet das Kurs-Buchwert-Verhältnis zumeist relativ konstant ist. In das Wikifolio werden daher nur Aktien aufgenommen, deren Unternehmen konstante und möglichst hohe Buchwertsteigerungen aufweisen können. Wenn das KBV konstant ist und der Buchwert steigt, müsste also auch der Kurs steigen.

3) Marktgespür: Hier entscheide ich mich für Werte, die ich aktuell spannend finde und richte mich stark nach der derzeitigen Nachrichtenlage.

Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung Ihrer wikifolios?

Meine wikifolios entwickeln sich aus meiner Sicht sehr gut. Natürlich hätte ich gerne noch höhere Gewinne erzielt und weniger Rückschläge zu verkraften gehabt, aber wenn ich die Entwicklung hätte voraussehen können, hätte ich mir wohl Geld geliehen und in meine Wikifolios investiert, was doch ein gutes Zeichen ist. Die einzige Sache die ich schade finde, dass mein wikifolio „Value Ansatz mit

deutschen Aktien“, obwohl es sogar besser abgeschnitten hat als das wikifolio

„Dividendensteigerung“ nur sehr geringe Beachtung findet. Ich bin aber von der Idee absolut überzeugt und wünsche mir hier noch eine positive Entwicklung des Anlegervertrauens.

Was war Ihr Trading-Highlight der letzten 360 Tage?

Für mein Trading-Highlight des letzten Jahres hat die Schweizer Nationalbank gesorgt. Die Entkopplung des Franken vom Euro hat den in meinem wikifolio Dividendensteigerung notierten Schweizer Werten ohne Ausnahme ein kräftiges Kursplus beschert. Das habe ich weder erwartet,

noch in meine Überlegungen einbezogen. Aber unverdiente Gewinne sind doch einfach die schönsten, weil man nicht für sie gearbeitet hat.

Wie beurteilen Sie das Börsenjahr 2015?

Ich glaube nicht, dass die Börsen sich weiterhin so positiv entwickeln werden, wie wir das in den vergangenen Jahren erlebt haben. Ich erwarte vielmehr nach dem rasanten Anstieg zum Jahresbeginn und den Ankündigungen der EZB, dass es zu Rückschlägen kommen wird. Das heißt zugleich, ich erwarte Nachkaufgelegenheiten.

Welche Märkte machen aktuell am meisten Spaß/Sinn?

Durch meine eigenen Kenntnisse bin ich beschränkt auf Aktien und die dazugehörigen Zertifikate. Sowohl von Rohstoffen als auch von Devisen verstehe ich zu wenig, als dass ich derzeit Handelsaktivitäten in diese Richtung planen würde. Innerhalb des Aktienmarktes liegt mein Fokus, wiederum wegen besserer Kenntnisse auf Europa und den USA. Wie soeben in meiner Markterwartung geschildert, glaube ich, dass das Rückschlagrisiko momentan steigt. Deshalb baue ich derzeit wachsende Cash-Positionen auf. Ich muss nicht immer vollständig investiert sein. Dort wo ich mich auskenne, nehmen aus meiner Sicht die Chancen derzeit ab und die Risiken zu.

Welche Aktien bzw. Wertpapiere favorisieren Sie aktuell auf mittelfristige Sicht?

Die in meinen wikifolios enthaltenen. Also Unternehmen, die regelmäßig ihre Dividende erhöhen oder ihren Buchwert steigern. Auf eine einzelne Aktie möchte ich mich derzeit nicht festlegen, da ich auf mittelfristige Sicht, wie gesagt, eher mit Rückschlägen rechne und mich dann verstärkt nach geeigneten Kaufkandidaten umschaue. Es gelingt Aktien ja auch selten in einem fallenden

Gesamtmarkt gegen den Trend stark zu steigen.

Welches war Ihre härteste Lektion, die Sie am Markt erfahren mussten?

Ich musste lernen, dass auch Ereignisse, die in der eigenen Vorstellung zu einem bestimmten Zeitpunkt überhaupt nicht vorkommen, eintreten können und dann die eigene Anlageentscheidung aus der ex post Perspektive als völlig falsch darstellen. So geschehen mit der Kündigung des "KaliKartells" durch Uralkali.

Welche Ratschläge würden Sie einem Einsteiger mit auf den Weg geben?

Ich würde jedem raten, möglichst viel auszuprobieren. Um nicht direkt Geld zu verlieren, kann man zahllose virtuelle Portfolios und Musterdepots nutzen. Gleichzeitig kann man über Plattformen wie wikifolio, wertvolle Einblicke erhalten, warum andere bestimmte Trades vornehmen, oder welche

Gedanken sie sich im Hinblick auf Wertpapierkäufe machen. Das kann den eigenen Horizont unglaublich erweitern.

In einem der Wall Street Filme gibt es einen Dialog, in dem der Protagonist gefragt wird, für welchen Preis er bereit wäre aus dem Börsenhandel auszusteigen. Diese Frage ist aus meiner Sicht auch für

den Privatanleger sehr interessant. Zwar soll niemand komplett mit dem Aktienhandel aufhören, trotzdem ist es aus meiner Sicht eine gute Idee, sich zu überlegen, ab welchem Punkt man mit der

Entwicklung seiner Position zufrieden ist. Gewinne können süchtig machen.

Welches Buch können Sie anderen Tradern empfehlen?

„Der entstpannte Weg zum Reichtum“ von Susan Leverman und „The intelligent investor“ von Benjamin Graham haben mir persönlich sehr gefallen.