30.09.2018| Von: Nikolaos Nicoltsios |

"Gewinnwarnung, was nun?" Im ersten Teil unserer Serie haben wir gezeigt, wie kurzfristige Trader von der hohen Volatilität von Aktien nach Gewinnwarnungen profitieren können. Passend dazu haben die Experten von HSBC Deutschland dieses Thema vor kurzem in einem informativen Webinar behandelt.

Dabei ging es aber weniger um die Möglichkeiten des kurzfristigen Tradings solcher Aktien, sondern vielmehr um Entscheidungshilfen für mittel- bis langfristig agierende Marktteilnehmer.


Tipps für Trader - Teil 1:
So nutzen Sie die hohe Vola
gewinnwarnung-aktien-handel


Mehr Geduld statt Schnellschuss

Privatanleger greifen oft reflexartig zu, wenn die Aktie eines bekannten Unternehmens nach zumeist schlechten Nachrichten überdurchschnittlich hohe Verluste erleidet. Der Reiz ist groß, die vermeintlich günstigen Kurse zum Einstieg zu nutzen - vor allem, wenn man bei dem Titel ohnehin schon länger auf eine Kaufgelegenheit gewartet hat.


Die Aktie von BMW nach der Gewinnwarnung des Autobauers zu Wochenbeginn ist nur eines von vielen solcher Beispiele. Die Erfahrung zeigt aber, dass solche Schnellschusshandlungen nur selten von Erfolg gekrönt sind. Im Gegenteil: Die Anleger benötigen bei ihren Investments viel Zeit und Geduld.

Deutsche Post und Continental als mahnende Beispiele

Die Spezialisten bei HSBC haben dafür gleich mehrere prominente Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit angeführt. Die Aktie der Deutschen Post etwa fiel am 8. Juni nach einer Gewinnwarnung um neun Prozent auf unter 30 Euro. Intraday kam es dann zunächst zu einer Erholung, bei der rund 50 Prozent des Verlustes wettgemacht wurden - ein Phänomen, das wir in Teil 1 auch beschrieben hatten. In den Folgetagen ging es aber weiter nach unten und das Tief wurde erst einen Monat später bei Kursen von gut 27 Euro erreicht.

deutsche-post-gewinnwarnung-kursverlauf

Bei Continental führte die wiederholte Warnung vor niedrigeren Gewinnen am 22. August sogar zu einem Kursrutsch von 15 Prozent. Hier griff die „50 Prozent-Regel“ in Bezug auf die Intraday-Erholung nicht. Für strategische Käufer wäre ein Einstieg an diesem Tag aber auch hier wieder verfrüht gewesen. Das vermeintliche Tief wurde nämlich erst 2,5 Wochen später markiert. In diesem Zeitraum ist der Kurs noch einmal um rund acht Prozent gefallen.

Großanleger benötigen etwas mehr Zeit

Doch warum ist das so? „Bedeutende neue Informationen zu den jeweiligen Unternehmen werden nicht von einer auf die andere Sekunde verarbeitet. Das könnte damit zusammenhängen, dass die darauf folgenden Entscheidungsprozesse bei den großen institutionellen Investoren einfach eine gewisse Zeit benötigen“, versucht Jörg Scherer, Leiter Technische Analyse bei HSBC Deutschland, diesen ganz typischen Kursverlauf nach schlechten Nachrichten zu erklären. „Anleger sollten daher veränderte Einflussfaktoren tendenziell prozyklisch interpretieren“, rät der Experte und bezieht sich damit vor allem auf Anleger, die in den jeweiligen Aktien bereits investiert sind.

michael-flender-goldeseltrading

„In schwachen Märkten sollte man Aktien mit Gewinn- bzw. Umsatzwarnungen konsequent meiden. Diese sind meist über Wochen und Monate extrem schwach, viele fallen sogar ohne nennenswerte Rebounds.“
Michael Flender („GoldeselTrading“)

Trading-Tipps von Michael Flender:
Quartalszahlen handeln - so profitieren Trader von der Berichtssaison
6 Tipps für Trader, wenn die Börse schwächelt

Viele dieser Marktteilnehmer scheuen nach einem großen Kursrückgang nämlich den Verkauf, weil es sich „jetzt ja auch nicht mehr lohnt“. Die Praxis hingegen zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Wobei man auch hier vielleicht wieder die „50 Prozent-Regel“ im Kopf haben und zumindest einen Teil nicht direkt, sondern erst im Zuge einer deutlicheren Intraday-Erholung verkaufen sollte.

Das fallende Messer meiden

Mit dem Einstieg können und sollten sich Anleger in solchen Situationen hingegen Zeit lassen, so die Aussage der Spezialisten, auch wenn solche „Fallen Angels“ immer einen gewissen Reiz ausüben.

Als weiteres prominentes Beispiel wird hier auf die Aktien von Bayer (nach dem „Fall Glyphosat“ am 13. August) und Volkswagen (Beginn der „Dieselgate“-Affäre im September 2015) verwiesen, bei denen die Kurse länger und nach dem ersten Kursrutsch auch noch ein ganzes Stück weiter gefallen waren. Ein Blick auf die entsprechenden Charts könnte sich daher als lehr- und hilfreich erweisen, gerade auch vor dem Hintergrund der aktuellen Gewinnwarnungen. Auch die Zalando-Aktie ist nach der ersten Erholung mittlerweile schon wieder auf neue Tiefs gefallen.

bayer-glyphosat-aktienkurs