09.05.2018| Von: Astrid Schuch |

Kein wikifolio-Trader ist wie der andere. Johannes Höggerl aka Apoll2 ist das beste Beispiel dafür, dass die Menschen hinter den Profilen aus den unterschiedlichsten Gründen ihre Musterdepots erstellen. Börse? Klar, sagt er, ohne geht es ja nicht. Doch seine Leidenschaft gehört einer Idee - der Gen-Editierung mittels CRISPR-Technologie. Für Höggerl ist dies die Chance, Mangelernährung und Hunger endlich zu besiegen oder unheilbare Krankheiten zu heilen. Er selbst nimmt mit dem wikifolio auch ein wenig sein Schicksal in die eigenen Hände - an Fortschritten in diesem Bereich hat er krankheitsbedingt ein großes persönliches Interesse. Wir reden mit Höggerl über CRISPR und sein wikifolio. PS: Auch die Performance stimmt, aber das ist dieses Mal reine Nebensache. Viel Spaß beim Lesen!

wikifolio.com: Herr Höggerl, seit August 2016 führen Sie das wikifolio „CRISPR/Cas9 – Werte“. Was machen Sie hauptberuflich?
Johannes Höggerl (Apoll2): Ich studierte Jus und Philosophie und schloss beide Studien ab. Anschließend arbeitete ich jahrelang in diversen Behörden. Leider leide ich an einer progressiven Muskelschwunderkrankung, die mittlerweile so ausgeprägt ist, dass ich auf einen Rollstuhl angewiesen bin. Aufgrund dieser genetischen Krankheit wurde ich von meinem Dienstgeber pensioniert. Seither lebe ich in der glücklichen Situation, machen zu können, was mir Lust und Freude bereitet.

Laut Ihrem Trader-Profil bringen Sie 17 Jahre Börsenerfahrung als konservativer Trader mit. Wie ist es dazu gekommen? 

Als ich anfing, mich mit der Börse zu beschäftigen, so rund um das Jahr 2000, war gerade der Neue Markt in Frankfurt das Nonplusultra schlichtweg. Da machte ich auch negative Erfahrungen, wie viele andere auch. Nachdem die Blase platzte, ließ ich einige Zeit die Finger von der Börse, jedoch merkte ich rasch - ohne – geht es auch nicht. Insofern entschloss ich mich, es etwas konservativer anzugehen, wobei ich schon zugebe, CRISPR/Cas9 - Werte passt da nicht so recht dazu.

crispr-cas9-werte-wikifolio

 

Was waren für Sie überhaupt die Gründe, ein wikifolio zu veröffentlichen und investierbar zu machen?
Eine Idee – nämlich die CRISPR-Technologie. Heute würde ich das aber etwas Allgemeiner formulieren: Es geht um ein eigenes Finanzprodukt, welches sich nur auf Genom-Editierungsunternehmen fokussiert. Da ich 2016 nichts Vergleichbares fand, machte ich mich selbst daran, so was zu entwickeln. Ausgangspunkt war meine Krankheit: Ich bin natürlich höchst interessiert an Fortschritten, die auch diese eines Tages heilen werden können. Zusätzlich eignete ich mir viel Wissen zum Thema an. Dank meiner lieben Frau, die Medizinerin ist, kann ich auf fundierte Sachkenntnis zurückgreifen.

Gen-Editierung wird alles verändern

Bei der CRISPR/Cas9-Technologie, auf die Sie in Ihrem wikifolio setzen, handelt es sich, wie Sie selbst sagen, womöglich um eine „biotechnische Revolution“. Worum geht es dabei genau?
Lassen Sie es mich ganz vorsichtig formulieren: Sollten die Gen-Editierungstechniken erfolgreich sein, wird es zu einem entscheidenden Umbruch in der Menschheitsgeschichte kommen, der so mächtig sein wird, dass er uns alle betreffen wird. Er wird so umfassend sein, dass heute unheilbare Krankheiten geheilt und neue, bessere Lebensmittel entwickelt werden, womit es uns möglich sein wird, Mangelernährung und Hunger auf der Erde – endlich  zu besiegen.

Es ist damit klar, dass der Pharma-, Landwirtschafts-, Chemie- und Lebensmittelbereich nur der Beginn dieser Entwicklung sein werden. Erst vor wenigen Tagen brachte ich in Erfahrung, dass CRISPR auch für den Bereich der Diagnostik eingesetzt werden soll: Mit ein wenig Blut oder Urin soll es zu billigen Schnelltests (innerhalb von 30 Minuten) kommen, um zum Beispiel das HI-Virus festzustellen oder zur Abtestung der genetischen Veranlagungen eines Menschen.

Um was es geht, ist eigentlich relativ simpel. Alles, was lebt, besteht aus Zellen (auch Bakterien und Viren) und jede Zelle besitzt eine eigene DNA. Genau diese DNA ist heute – beim Menschen – weitgehend entschlüsselt, weshalb es nun darum geht, diese so zu verändern, dass zum Beispiel Krankheiten nicht mehr entstehen. Bei mir fehlt beispielsweise innerhalb eines Genes lediglich ein einziges Aminosäurenpaar. Mit Hilfe der Genom-Editierungstechniken wird versucht, dieses – vereinfacht gesagt – zu ersetzen. Man schneidet die DNA an der betreffenden Stelle auf, setzt das Fehlende ein, mit der Folge, dass der Defekt behoben ist, was echte Heilung bedeutet.

Es handelt sich dabei also um Gentechnik, wie wir sie im allgemeinem Sprachgebrauch verwenden?
Ja, natürlich ist das ein zentraler Bereich der Gentechnik.

Geringster Aufwand, geringste Kosten

Wie weit ist die Forschung nun schon? 
Da müssen wir ziemlich genau unterscheiden: Innerhalb von Genome Editing existieren verschiedene Verfahren, die entwickelt wurden und werden:
1. Die Zingfingernukleasen (ZFN): Da ist man schon ziemlich weit. Es laufen im Bereich der Krebstherapie ganz interessante Forschungsprojekte (T-Zellen) oder bei der HI-Virus-Bekämpfung
2. Talen: Hier befinden sich schon einige Projekte besonders im Agrar-Bereich knapp vor der Zulassung (Soja und Kartoffeln) 
3. CRISPR: Es ist die neueste Entwicklung, aber sie ist jene, welche mit dem geringsten Aufwand bzw. den geringsten Kosten verbunden ist. Erste Trails am Menschen haben in China und in Europa (bei Sichel-Zellen-Anämie seit dem vierten Quartal 2017 und bei β-Thalassämie in der ersten Jahreshälfte 2018) bereits begonnen. Die USA folgen sicher heuer noch.

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Gibt es hier denn schon einheitliche Gesetze für die Anwendung?
Leider, nein. Für die Zulassung von Medikamenten ist in Europa die EMA zuständig, in den USA die FDA. Die stimmen sich schon ab, aber wirklich Einheitlichkeit gibt es nicht. Für experimentelle Forschungsprojekte im Bereich von biomedizinischen Produkten (wie beispielsweise Gentherapeutika) ist in Europa aber nicht die EMA zuständig, sondern jedes Land regelt dies selbstständig. In Deutschland entscheidet das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen, ob genetisch veränderte Zellen einen Menschen im Rahmen einer klinischen Studie verabreicht werden dürfen oder nicht. Wenn wir bei mir – als Beispiel – bleiben wollen, dann müsste das Forschungsteam, nachdem es mittels einer Genom-Editierungstechnik eine gesunde Muskelzelle herstellte, um Zulassung für eine klinische Studie beim PEI ansuchen.

Johannes Höggerl aka Apoll2

"Mir geht es um die Idee, für die ich leidenschaftlich brenne, alles andere reizt mich eher weniger."
wikifolio-Trader Johannes Höggerl aka "Apoll2" 

 

 

Was sind also die größten Hürden, die bis zur Realisierung noch überwindet werden müssen?
Zunächst muss bewiesen werden, ob genetisch veränderte Medikamente oder Lebensmittel effektiv und für den Menschen sicher sind, bevor die Zulassung bewilligt werden kann. Um dies zu beweisen, müssen diese – normalerweise – drei Phasen durchlaufen, wo der Wirkstoff an immer mehr Probanden und in einer immer stärkeren Dosis verabreicht wird. Dieses System gilt jedoch nicht für alle Bereiche: Beispielsweise für den gesamten Bereich der personalisierten Medizin (wie bei mir) funktioniert das Phasen-System nicht, da meine geheilten Muskelzellen – sinnvollerweise – nur bei einem einzigen Menschen, nämlich bei mir, aufgrund der ansonsten identen DNA verabreicht werden können.

Outperformance als positiver Nebeneffekt

Kommen wir zurück zu Ihrem wikifolio „CRISPR/Cas9 – Werte“. Die beiden größten Holdings in dem wikifolio sind CRISPR Therapeutics und Editas. Wie sieht das Geschäftsmodell dieser Unternehmen aus? Womit verdienen sie ihr Geld, wenn überhaupt?
Entwicklung von eben solchen genetisch veränderten Produkten. Bei einigen Krankheiten sind größere Gruppen von Menschen durch ein solches Produkt heilbar (zum Beispiel im Falle von Leberkrankheiten, gewissen Krebsarten, Hepatitis-B-Virus) und genau an diesen setzen diese Firmen an. Biotech funktioniert nicht ohne Zulassung, die Firmen müssen in Vorleistung gehen und zeit- und geldmäßig Unglaubliches leisten. Durch das strenge Zulassungssystem überleben dies auch nicht alle. Dies ist sicherlich spekulativ – aber man muss auf die neuen Techniken vertrauen und abwarten. Alle Firmen, die mit CRISPR arbeiten, verbrennen im Moment nur Geld. Doch wie gesagt, die ersten Trails begannen oder beginnen schon.

Das wikifolio hat sich auf Sicht von einem Jahr um rund 43 Prozent verteuert. Seit Jahresbeginn summiert sich das Plus auf 22 Prozent. Der STOXX North America 600 Health Care Index hat auf Jahressicht – zum Vergleich  nur acht Prozent zugelegt. Der europäische Branchenindex liegt im selben Zeitraum sogar deutlich unter Wasser. Wie zufrieden sind Sie mit Ihrem bisherigen Track-Record?
Echt? Nicht gewusst! Das interessiert mich nicht. Schon allein aus meiner langfristigen Perspektive heraus, finde ich das wenig spannend, weil wir erst am Anfang der Entwicklung stehen.

Das heißt, Sie haben für sich auch keine Benchmark, mit der Sie die Performance Ihres wikifolios vergleichen?
Mir geht es um die oben beschriebene Idee, für die ich – leidenschaftlich – brenne, alles andere reizt mich eher weniger.

Ein Markt mit zu großen Hoffnungen

Gerade in den letzten Wochen wurde es an der Börse schwieriger. Der Dax hat doch recht spürbar Federn gelassen. Eine Erholung sehen wir erst seit Ende März. Wie wohl fühlen Sie sich vor diesem Hintergrund mit Ihren CRISPR/Cas9-Werten, wo es beginnend mit März ja auch etwas holpriger wurde?
Es kam zu ein paar Verwerfungen in den letzten Wochen: Da wurden ganz bewusst Unsicherheiten gestreut, indem zum Beispiel behauptet wurde, dass CRISPR „Off-target effects“ (unerwünschte Nebeneffekte) bewirken würde. In vivo (CRISPR wird direkt in den Körper eingebracht und bearbeitet dort die Zellen) kann ich mir das vorstellen, da ist die Sache sicher heikel, aber ex vivo (Zellen werden aus dem Körper entnommen, mit CRISPR bearbeitet und wieder in den Körper reimportiert) kann ich das nur schwer nachvollziehen. Auch darf man nicht vergessen, dass der Markt Anfang des Jahres vielleicht zu hoffnungsfroh war. Zusätzlich läuft eine Patentklage in den USA, die weitere Unsicherheit erzeugt. Wahrscheinlich haben all diese Umstände Ängste erzeugt.

Was eine derartige Konzentration auf eine Nische auch mitbringt, ist ein gewisses Risiko. Sie haben in einem Kommentar zuletzt geschrieben, dass Sie Feedback bekommen, wonach das wikifolio eher für risikofreudige Anleger geeignet ist. Würden Sie auch sagen, dass Sie eher diesen Anlegertyp ansprechen wollen?
Ja, spekulativ ist das schon, aber gegen den Begriff Nische muss ich mich – heftig – wehren. Man denke nur, was passieren würde, wenn eine der Genom-Editierungsfirmen einen wirklichen Blockbuster herausbringen würde, wie zum Beispiel eine echte Therapie gegen eine Krebsart. Sie würde zig-Milliarden Euro verdienen. Überlegen Sie nur, Gilead Sciences hat zwischen 2013 bis 2016 mit seinen HCV (Hepatitis C-Virus)-Medikamenten – weltweit – 43 Milliarden Dollar verdient. Eine einzige Tablette kostete in der Spitze 700 Euro und eine Therapie pro Patient etwa 60.000 Euro.

Ich habe mir deswegen ziemlich lange überlegt, wie ich das Genome Editing Thema einer breiteren (weniger spekulativen) Anlegerschaft eröffnen kann. Schließlich habe ich die Idee eines Dreiklangs entwickelt.

Dreiklang? Sie sprechen Ihr zweites publiziertes wikifolio an, dass sich auf Blue Chips konzentriert, die im CRISPR/Cas9-Bereich Fuß fassen wollen bzw könnten. Was wäre das dritte?
CRISPR/Cas9 – Werte“ wird immer das wikifolio für spekulative Anleger bleiben. Daneben wird mit CRISPR Blue“ eine konservativere Variante entwickelt. Dieses wikifolio wird sich außerdem zusätzlich zum Pharma- auch mit dem Agrar-, Lebensmittel- und dem Chemiebereich beschäftigen. Die letzte Ausbaustufe soll dann, nachdem CRISPR – Blue investierbar ist, ein Dach-wikifolio werden, indem sich ausschließlich meine beiden wikifolios zu je 50 Prozent befinden. Dieses Dach-wikifolio soll Anleger ansprechen, die bereit sind, ein moderates Risiko einzugehen. Anleger werden dann in der Lage sein, zwischen diesen drei verschiedenen Produkten (und damit drei unterschiedlichen Risikoklassen) das für sie richtige zu wählen, um davon langfristig zu profitieren.

„Sell in may ...“

Wenn Sie sich die allgemeine Marktentwicklung ansehen, womit rechnen Sie im weiteren Verlauf?
Kurzfristig: „Sell in may and go away!“, mittelfristig: „Slow and steady wins the race!“ und langfristig: „Ernte samt Te Deum!“

Welche Ziele setzen Sie sich persönlich, wenn es um ihre wikifolios geht?
Da tue ich mehr sehr schwer, weil welcher Bauer weiß schon, wie die nächste Ernte wird? Da spielen so viele Faktoren eine Rolle, die nicht in meiner Macht liegen, dass ich mich keinesfalls auf Zahlen einlassen möchte.

Welches war Ihre härteste Lektion, die Sie am Markt erfahren mussten?
Wir Juristen besitzen eine Redeweise, die lautet: „Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand“. Ich musste durch die Neue Markt-Erfahrung lernen, dass diese erweitert und um die Börse ergänzt werden sollte. Sie sollte deswegen lauten: „Vor Gericht, an der Börse und auf hoher See ist man in Gottes Hand“.

Herr Höggerl, vielen Dank für das Gespräch.

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