Glücksgefühle und starke Schmerzen – Willkommen an der Börse!

Man mag es kaum glauben, aber letztendlich hat die Corona-Krise dazu geführt, dass selbst bei uns in Deutschland die Aktienanlage wieder in Mode gekommen ist. Das klingt erst mal sehr gut. Ob es am Ende des Tages wirklich so positiv zu bewerten ist, muss aber leider bezweifelt werden.

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Wenn das Deutsche Aktieninstitut in den kommenden Wochen über die Entwicklung der Aktionärszahlen im Jahr 2020 berichtet, dürfte der Trend nach oben zeigen. Vor einem Jahr noch besaßen nur gut 15 Prozent aller über 14-jährigen Bundesbürger Aktien oder Aktienfonds. Die vielen Meldungen über das enorme Neukundenwachstum bei Neo-Brokern sprechen dafür, dass die Zahl mittlerweile höher liegen dürfte. Diese Entwicklung ist sehr erfreulich. Schließlich gelten Aktieninvestments mit Blick auf die wahrscheinlich noch längere Zeit wenig attraktiven Zinsen gemeinhin als alternativlos. Zumindest für langfristig angelegte und breit gestreute Investments.

Notenbanken und Staaten treiben die Kurse

Gefährlich ist die Entwicklung aber, wenn die neuen Aktionäre mit viel zu hohen Erwartungen an den Markt kommen. Das Kurs-Comeback nach dem Corona-Crash-Tief im März 2020 wird bei vielen Anlegern den Eindruck hinterlassen haben, dass einfach nur jeder Kursrutsch an den Börsen zum Einstieg genutzt werden muss, um anschließend satte Gewinne zu erzielen. Oder dass die Kurse unabhängig von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen irgendwann zwangsläufig steigen müssen, weil die Notenbanken ohne Ende frisches Geld in die Märkte pumpen und die Politik jede Krise mit umfassenden Hilfspaketen verhindern wird. Ein Argument, das in den vergangenen Jahren tatsächlich gegriffen und hoffentlich viele Investoren reich gemacht hat. Die globale Geldmenge steigt und steigt und treibt damit eine schier nicht enden wollende Nachfrage nach Aktien und anderen Assets an.

Kein Wunder, dass viele Neulinge auf diesen Zug aufspringen, zumal sie durch die Kontakteinschränkungen plötzlich Zeit haben, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Das geht mittlerweile so weit, dass sich Privatanleger auf Social-Media-Kanälen zu einem Aktienkauf-Flash Mob verabreden, um eine zuvor nur wenig beachtete Aktie wie GameStop zu pushen und Leerverkäufer unter Druck zu setzen. „Häufig sind Exzesse wie diejenigen von GameStop zeitnahe Signalgeber für ein vorläufiges Hoch im Gesamtmarkt“ hieß es am Dienstag beim „Wellenreiter Invest“. Deren Experten weisen darauf hin, dass sich „viel heiße Luft im Markt“ befindet, die irgendwann abgelassen werden müsse. Was nicht zwingend heißt, dass die Kurse nun nicht mehr weiter steigen können. Die Redakteure betonen nämlich auch, dass derartige Exzesse eine Weile laufen können und Hochpunkte deutlich schwerer zu timen und zu erkennen sind als Tiefpunkte. Doch die Anzeichen einer Blasenbildung mehren sich, zumindest in Teilbereichen des Marktes.

Was Anleger von der Amazon-Aktie lernen können

Eine kurzfristig gefährliche Euphorie ist vor allem rund um diejenigen Branchen entstanden, die als potenzielle Zukunftstrends gelten. Digitalisierungs-Gewinner oder Profiteure einer sich verändernden Klimapolitik sind hier beispielhaft zu nennen. Wahrscheinlich werden einige – oder vielleicht auch viele – der jetzt so gehypten Unternehmen in Zukunft tatsächlich eine bedeutende Rolle in unserem Alltag spielen und auch gutes Geld verdienen. Und einige der entsprechenden Aktien werden mittel- bis langfristig auch mehr wert sein als heute. Aber selbst bei diesen Titeln wird der Kursverlauf alles andere als gradlinig sein. Allen Investoren, die jetzt gerade eingestiegen oder „fett investiert“ sind, sei vor diesem Hintergrund ein genauer Blick auf die Aktie von Amazon angeraten.

Die zählte Ende der 90er-Jahre zu den absoluten Lieblingen der damals vom Internetboom besessenen Börsianer. Anders als die meisten der in dieser Phase ebenfalls hochgekauften Werte hat sich das Unternehmen tatsächlich hervorragend entwickelt. Das gilt auch für den Aktienkurs. Selbst wer 1999 auf dem Hoch eingestiegen ist, hat seinen Einsatz bis heute fast verdreißigfacht. Eine Erfolgsgeschichte, die aber nur sehr nervenstarke Investoren durchweg begleitet haben dürften. Schließlich ist die Aktie während des anschließenden Crashs erst mal um 95 (!) Prozent eingebrochen. Und in den Jahren danach gab es noch zwei weitere Phasen, in denen der Kurs jeweils um die 60 Prozent an Wert verlor. Dagegen waren die 30-Prozent-Korrekturen in den Jahren 2014 und 2020 aus Aktionärssicht kaum der Rede wert. Im Langfristchart fallen selbst die extremen Crashs kaum ins Gewicht. Anleger könnten daher auf die Idee kommen, dass man solche Phasen nun mal einfach aussitzen muss. Zum einen wird es aber nur bei sehr wenigen (wenn überhaupt) Aktien so laufen wie bei Amazon. Und zum anderen bedarf es schon einer gehörigen Portion Überzeugung, Geduld und Nervenstärke, um solche Kurseinbrüche wirklich durchzustehen. Finanziell und vor allem auch emotional! In der Regel ziehen Investoren bei so volatilen Werten dann doch irgendwann die Reißleine, sei es zur Verlustbegrenzung/Gewinnsicherung oder aus purer Verzweiflung. Das muss nicht zwingend verkehrt sein, vor allem wenn es auf einer festen Strategie beruht. Es zeigt aber, dass der beliebte Spruch „Hätte ich damals mal die Aktie gekauft“ mit der Praxis wenig zu tun hat.

Den Letzten beißen die Hunde

Nun mag die Bewertung der Aktienmärkte insgesamt noch nicht übertrieben hoch sein. Bei vielen Einzelwerten sind die Kurse aber so dermaßen mit Zukunftsfantasie vollgepumpt, dass zumindest Kurshalbierungen deutlich wahrscheinlicher sind als die nächste Verdopplung. Nikolas Kreuz, Geschäftsführer der INVIOS GmbH, warnte in der vergangenen Woche zum Beispiel vor der viel zu hohen Bewertung von Wasserstoffaktien. Obwohl es sich hier um eine „faszinierende Technologie“ handele, würden sich viele Anleger bei ihren Investments mit ziemlicher Sicherheit wieder blutige Nasen holen. „Hier rennt eine Herde blind in eine Richtung. Und das wird nach einer kurzen Glücksphase lange Schmerzen bedeuten“, prophezeit der mit einer langjährigen Investmenterfahrung ausgestattete Geschäftsführer, für den sich nur die Frage stellt „Wer verkauft noch rechtzeitig und streicht gute Gewinne ein und wer wartet zu lang und verliert?“. Bei GameStop war es jetzt übrigens nicht anders. Wenn auch alles innerhalb weniger Tage passierte.

Im Dezember hatte der INVIOS-Experte übrigens schon mit Blick auf die Rally bei den Kryptowährungen davor gewarnt, dass dieser Boom nur auf „reflexhaften Reaktionen des menschlichen Gehirns“ basiere und die „sicherlich kommenden Verluste“ zu großen Schmerzen führen würden. Nun hat sich der Preis des Bitcoin im Anschluss erst noch mal verdoppelt, bevor im Januar dann die jüngste Korrektur startete. Womit wir wieder bei der von „Wellenreiter Invest“ beschriebenen Beobachtung landen, wonach Hochpunkte nur schwer zu timen sind. Trotzdem oder gerade deshalb sollten Anleger nicht den Fehler machen, jetzt einfach von einer Fortsetzung der dynamischen Rally in vielen Bereichen des Marktes auszugehen. Die Kurse mögen kurzfristig noch weiter steigen können, aber der optimale Einstiegszeitpunkt für mittel- bis langfristige Investments ist hier und jetzt sicherlich nicht mehr gegeben. Zumindest nicht bei den zuletzt im Kurs so dermaßen nach oben geschossenen Werten. Bei Amazon hat es übrigens fast zehn Jahre gedauert, bis das 1999er-Hoch erstmals wieder überschritten wurde.

Erkennen Sie sich hier wieder?

Hilfreich bei der Entscheidungsfindung ist ohne Zweifel, wenn es Anlegern gelingt, die eigenen Gefühle und Handlungen richtig zu bewerten und einzuordnen. Vielleicht erkennt sich der eine oder andere dabei ja wieder, wenn er die von Nikolas Kreuz geschilderten Erkenntnisse aus früheren Börsen-Übertreibungen liest: „Jeder wollte dabei sein, egal ob groß oder klein, erfahren oder Anfänger, arm oder reich. Gier in der Herde mischte sich zu einem Cocktail aus großen, positiven Emotionen. Der stete Anstieg ließ die Menschen jeden Tag morgens auf ihre Depots oder in ihre Wallets schauen, um den ersten Kick des Tages zu bekommen. Besser als Kaffee. Der Absturz kam prompt und niemand schaute mehr in die Auszüge. Schlechte Nachrichten schmerzen – und sie schmerzen sogar mehr, als positive News Glück erzeugen.“

Wir können nur hoffen, dass diese Schmerzen möglichst vielen Anlegern und Tradern diesmal erspart bleiben. Ansonsten dürfte der Aufschwung bei den Aktionärszahlen nicht lange anhalten.

PS: „Diesmal ist alles anders“ gelten nicht umsonst als die vier teuersten Wörter am Kapitalmarkt.


 

Disclaimer: Thomas Koch ist CEFA-Investmentanalyst, Investmentspezialist für strukturierte Produkte (ISSP) und geprüfter Zertifikateberater (EDA). Seit Anfang 2006 beschäftigt er sich als freier Journalist schwerpunktmäßig mit dem Markt für Zertifikate und Hebelprodukte. Zuvor war er über fünf Jahre beim PLATOW Brief als Börsenredakteur tätig. Dort rief er Mitte 2004 den Newsletter „PLATOW Derivate“ ins Leben, für den er auch heute noch hauptverantwortlich tätig ist. Für PLATOW betreut er zudem die wikifolios PLATOW Trend & Sentiment und PLATOW Trend & Sentiment 2.0 sowie das Dachwikifolio PLATOW Best Trader Selection. Daneben schreibt auch für das Fachmagazin „Der Zertifikateberater“. An dieser Stelle kommentiert er finanzmarktrelevante Nachrichten und Ereignisse und analysiert Aktien, in denen er möglicherweise auch im Rahmen der wikifolios engagiert ist. Der Text spiegelt die Meinung des Autors wider. wikifolio.com übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung.

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