Der Guardian hat vorgerechnet: Bei einem durchschnittlichen Ölpreis von 100 Dollar je Fass haben die 100 größten Öl- und Gasunternehmen allein im März zusätzliche Gewinne von 23 Milliarden Dollar „erwirtschaftet“. Bis zum Jahresende würde sich diese Summe bei durchschnittlich 100 Dollar Öl auf das 10fache vergrößern. Die größten Profiteure wären demnach Saudi Aramco, oder auch die russische Gazprom.
Die Branchenaktien haben sich entsprechend gut entwickelt: Der iShares MSCI World Energy ETF ist seit Jahresanfang um 25 % gestiegen. Auf Jahressicht beläuft sich das Plus auf ca. 39 %. Allerdings sind die Titel derzeit volatil, was angesichts der sich rasch ändernden Nachrichtenlage kein Wunder ist: Ihre Performance hängt hauptsächlich vom Status der Straße von Hormus ab. Ist sie geschlossen, steigen die Aktien. Schon die Hoffnung auf eine Öffnung für den Schiffsverkehr reicht, und sie fallen. Ob eine solche Wette dauerhaft lukrative Auswirkungen aufs Depot hat, sollte zumindest bezweifelt werden.
Wird Trump zum Totengräber von „drill, baby, drill“?
Zumal sich immer mehr Länder (vor allem in Asien) unabhängiger von (fossilen) Energieimporten machen, indem sie auf Elektrifizierung durch Erneuerbare setzen. Während also Trump an „drill, baby, drill“ festhält und den Öl- und Gasmultis in den USA und Russland durch den Iran-Krieg kurzfristig Milliarden an Petrodollars in die Kassen spült, beflügelt er damit andernorts den Ausbau der Solar- und Windenergie, die Entwicklung innovativer Batterie- und Speichertechnologien und die E-Mobilität. Ironischerweise ist in all diesen Bereichen China führend. Mehr dazu hier.
2 Beispiele: Die Philippinen importieren 98 % ihres Öls aus dem Mittleren Osten. Jetzt versucht die Regierung, im Bau befindliche Kraftwerke in Rekordtempo ans Netz zu bringen. Allein bis Ende April sollen 12 Solarprojekte, ein Windkraftprojekt, 6 Wasserkraftwerke, 2 Biomasse-Anlagen und eine 20 MW Speicheranlage für Strom aus erneuerbarer Energie den Betrieb aufnehmen. In den kommenden drei Jahren sollen insgesamt 200 Kraftwerke ans Netz gehen.
Indonesien, einer der weltweit größten Kohleproduzenten, importiert etwa eine Million Barrel Öl pro Tag – zwischen 20 und 25 % davon passieren vorher die Straße von Hormus, sofern sie offen ist. Der indonesische Präsident Prabowo Subianto gab im März – also kurz nach Beginn der Angriffe Israels und der USA auf den Iran – ambitionierte Ziele aus: Seine Regierung plane den Bau von Solarparks mit einer Leistung von 100 Gigawatt und die Stilllegung von 13 Dieselkraftwerken in den kommenden zwei Jahren. Dadurch würden die Treibstoffimporte Indonesiens um 200.000 Barrel pro Tag sinken. Langfristig sollen sie vollständig eingestellt werden. Um dies zu erreichen, sollen sämtliche in Umlauf befindliche Motorräder (ca. 120 Millionen) mit Verbrennungsmotor innerhalb von drei bis vier Jahren auf Elektroantrieb umgerüstet werden.
Solar, Wind, Wasserstoff: Alles läuft aktuell besser als Öl
Teures Öl und Gas auf der einen Seite und wachsender Strombedarf durch KI auf der anderen: Erneuerbare Energien werden erneut als Chance gesehen, die nicht nur geopolitisch sondern auch ökonomisch sinnvoll ist. Entsprechend steigen die Aktien – sogar mehr als ihre fossilen Pendants aus der Öl- und Gasbranche und vorerst recht unabhängig von der Lage im Mittleren Osten.
Auf Sicht von einem Jahr haben Erneuerbare und Wasserstoff ihre fossilen Öl- und Gas-Pendants auf dem Aktienmarkt geschlagen. Auch seit Jahresanfang (YTD) führen sie in Sachen Performance. Neben dem Iran-Krieg ist es der hohe Strombedarf von KI-Anwendungen, der die Nachfrage treibt.
Besonders beeindruckend fällt auch das Comeback der Wasserstoff-Branche aus. Der L&G Hydrogen Economy ETF hat sich binnen eines Jahres um 94 % verteuert, seit Jahresanfang (YTD) sind es +32 %. Paradebeispiel für den Erfolg der Branche ist aktuell : Die Aktie des Brennstoffzellenherstellers liegt YTD 134 % vorne (+1.179 % auf 12-Monats-Sicht).
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Das Thema Künstliche Intelligenz ist mittlerweile auch im Wasserstoff-Sektor angekommen. Festoxid-Brennstoffzellen lassen sich sowohl mit Wasserstoff als auch mit Erdgas betreiben und stellen damit eine attraktive Option zur dezentralen Energieversorgung von Rechenzentren dar.
Der Auslöser des jüngsten Kurssprungs bei Bloom war ein Vertragsabschluss mit . Oracle verpflichtete sich, bis zu 2,8 Gigawatt Brennstoffzellensysteme von Bloom für US-amerikanische KI-Rechenzentren zu beziehen — 1,2 Gigawatt sind bereits fest kontrahiert, die Auslieferung läuft bis 2027. Allein diese Meldung trieb den Aktienkurs an einem einzigen Handelstag von rund 176 auf über 210 Dollar.
"Wasserstoff als essentieller Baustein der Energiewende"
Die Bloom-Aktie ist zwar nicht mehr Teil des wikifolios Investment in Wasserstoff Aktien – von der starken Performance der Branchenaktien konnte Arnd-Rüdiger Schwarz dennoch profitieren. Das wikifolio kommt auf Jahressicht auf +61 %. YTD sind es starke +19 %. Wir haben mit dem Trader über KI, den Iran und natürlich über seine Aktienfavoriten gesprochen.
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Die Aktien von Unternehmen aus der Wasserstoffbranche feierten in den letzten Monaten ein fulminantes Comeback: Was sind deiner Meinung nach die Gründe dafür?
Schwarz: Das Thema Künstliche Intelligenz ist mittlerweile auch im Wasserstoff-Sektor angekommen. Festoxid-Brennstoffzellen lassen sich sowohl mit Wasserstoff als auch mit Erdgas betreiben und stellen damit eine attraktive Option zur dezentralen Energieversorgung von Rechenzentren dar. Damit trifft die strukturelle Stromnachfrage der KI-Industrie auf eine ausgereifte Brennstoffzellentechnologie — eine Schnittmenge, die der Markt bis vor einigen Monaten kaum im Blick hatte.
Ukraine-Krieg, jetzt Iran-Krieg - wir schlittern von einem fossilen Abhängigkeitsdrama ins nächste. Trotzdem scheint der politische Wille zum Ausbau alternativer Energien in Deutschland oder auch Österreich weiter gering zu sein. Gibt es Entwicklungen, die dich positiv stimmen?
Die genannten Krisen überlagern leider das Thema Klimaschutz. So groß die Aufbruchstimmung nach der Corona-Krise war – seit dem Ukraine-Krieg ist medial wenig davon übriggeblieben. Im Hintergrund entstehen aber durchaus spannende Entwicklungen: Aktuell wird beispielsweise ein riesiges europäisches Wasserstoffnetz aufgebaut, über das in der breiten Öffentlichkeit kaum berichtet wird. Auch der politische Kompromiss zum Verbrenner-Aus stimmt mich positiv: Ab 2035 sollen Neuwagen mit Verbrennungsmotor weiterhin zugelassen werden dürfen, sofern sie mit E-Fuels betrieben werden. Für die Herstellung dieser synthetischen Kraftstoffe wird Wasserstoff benötigt — ein weiterer struktureller Nachfragetreiber für die Branche.
Dein wikifolio hat sich zuletzt herausragend entwickelt. Top-Holding ist die deutsche 2G Energy – ein Highflyer. Worauf liegt im aktuellen Umfeld dein Fokus? Wie viel Wasserstoff steckt in deinem wikifolio?
Mein Grundansatz ist, Unternehmen zu finden, die nach meinen Maßstäben attraktiv bewertet sind und zugleich eine klare Schnittstelle zum Thema Wasserstoff haben. Meine Watchlist umfasst aktuell rund 100 Werte. Entscheidend sind für mich das Kurspotenzial im Verhältnis zum Risiko. Läuft eine Aktie sehr stark an, kann sie allein aus diesem Grund im Gewicht reduziert werden. Ein gutes Beispiel ist : Die Aktie hat in nur einem Monat rund 40 % zugelegt — entsprechend habe ich die Position etwas zurückgefahren. Die Frage, wie viel Wasserstoff genau im Depot steckt, lässt sich im Übrigen kaum seriös beantworten — die meisten Werte sind breit aufgestellte Unternehmen, bei denen Wasserstoff nur einen Teil des Geschäftsmodells ausmacht. Reine Pure Plays bilden eher die Ausnahme.
Du bist überwiegend in Europa investiert – in Deutschland, Frankreich oder den Niederlanden. Die USA indes kommen nur auf ein Gewicht von 1,8 %. Gibt’s in Europa einfach die besseren Energieunternehmen? Oder was sind die Gründe für den Länder-Schwerpunkt diesseits des Atlantiks?
Vor dem Hintergrund der angespannten geopolitischen Lage bin ich derzeit nicht bereit, ein noch höheres Risiko einzugehen. Daher versuche ich aktuell, eine Mischung aus Wachstums- und Dividendenwerten zu finden. Bei klassischen Versorgeraktien — die fast alle zumindest in geringem Maße auch im Wasserstoff-Sektor aktiv sind — bieten europäische Titel in der Regel nicht nur die höheren Dividendenrenditen, sondern sind gleichzeitig auch günstiger bewertet. Diese Kombination aus attraktiver Bewertung und solider Ausschüttung ist der Hauptgrund für den regionalen Schwerpunkt.
Der Brennstoffzellenhersteller Bloom Energy ist offenbar einer der großen Profiteure des KI-Booms. In deinem wikifolio ist die Aktie aber nicht vertreten. Warum?
Bei diesem Thema leide ich tatsächlich ein wenig. Bloom Energy war für mich immer einer der spannendsten Werte im Wasserstoff-Sektor. Und von 2021 bis 2025 auch immer wieder mitverantwortlich für Gewinne im wikifolio. Im Sommer 2025 konnte ich noch einige Stücke zu unter 20 Euro ins wikifolio legen, die letzten habe ich dann um die 75 Euro verkauft. Mir ist der Wert schlicht zu teuer geworden. Es gab zuletzt großartige Firmennews – unter anderem die Kooperation mit Oracle –, aber das aktuelle Bewertungsniveau ist mir trotzdem zu ambitioniert.
Du hast es bereits angesprochen: Dezentrale Energieversorgung direkt bei den großen Tech-Konzernen ist aktuell ein großes Thema. Findet das Thema in deinem wikifolio Beachtung? Oder sind die Unternehmen, die dort mitmischen, so wie Bloom, deiner Meinung nach allesamt bereits zu teuer?
Die Alternativen zu Bloom Energy sind zwar auch nicht günstig, aber bei sehe ich beispielsweise noch Potenzial. Die beiden Unternehmen lassen sich allerdings nur eingeschränkt vergleichen: Ceres Power ist Technologie-Entwickler und kein klassischer Produzent. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren viele strategische Partnerschaften geschlossen, sodass mittelfristig steigende Lizenzeinnahmen zu erwarten sind.
Was wurde eigentlich aus Nel, Plug Power und Co?
Der Aktienkurs erzählt oft recht zuverlässig, wo ein Unternehmen steht. Beide Firmen scheinen ihre Kosten nicht in den Griff zu bekommen — zumindest war das bisher das zentrale Problem. Bei Nel war 2025 sogar das schlechteste Jahr der Unternehmensgeschichte. Bei Plug Power gab es im Q4 2025 immerhin einen Hoffnungsschimmer: Erstmals seit Jahren konnte eine – wenn auch kleine – positive Bruttomarge erzielt werden. Ob das der Beginn eines echten Turnarounds ist, müssen die nächsten Quartale zeigen.
Welche Unternehmen sind deine Favoriten auf Sicht von 12 Monaten?
Neben Ceres Power gefällt mir sehr gut. Mit dem Produkt „Panasonic HX" will der Konzern nun ebenfalls in den Bereich Rechenzentrums-Energieversorgung einsteigen. Anders als bei Bloom Energy oder Ceres Power geht es hier allerdings explizit um die Nutzung von Wasserstoff. Der dritte Wert ist . Die Aktie gehörte schon vor dem Kurssturz zu meinen Positionen — und nach dem brutalen Einbruch der letzten Tage habe ich die Gunst der Stunde genutzt und nachgekauft. Für mich ist die Story weiterhin intakt: Der Konzern hat die auf Schienenfahrzeuge spezialisierten Wasserstoff-Brennstoffzellen-Aktivitäten des langjährigen Zulieferers übernommen, der bislang die Brennstoffzellen für die Coradia iLint Züge geliefert hat. Damit sichert sich Alstom die Technologiehoheit in diesem Bereich. Hinzu kommt, dass der Auftragsbestand erstmals die Marke von 100 Milliarden Euro überschritten hat — ein klares Zeichen für die anhaltend hohe Nachfrage nach moderner Bahntechnik. Die Profitabilität bleibt die Baustelle, aber auf diesem Kursniveau ist die Chance-Risiko-Relation aus meiner Sicht noch deutlicher in Richtung Chance gekippt.
Wird sich Europa mit alternativen Energielösungen in absehbarer Zeit aus der fossilen Abhängigkeit befreien können?
Im Jahr 2025 wurde in der EU erstmals mehr Strom aus Wind und Solar erzeugt als aus fossilen Energieträgern – ein echter Meilenstein. Das kritische Stichwort bleibt allerdings „Dunkelflaute": keine Sonne, kein Wind, und die Batteriekapazitäten sind noch überschaubar. Umgekehrt gibt es aber auch immer häufiger Situationen, in denen Windräder abgeschaltet werden müssen, weil zu viel Strom erzeugt wird. Genau hier könnte die Wasserstoff-Produktion mithilfe von Elektrolyseuren eine wertvolle Rolle spielen – und aus diesem Wasserstoff lassen sich dann unter anderem E-Fuels herstellen. Das Zusammenspiel aus Erneuerbaren, Batteriespeicher und Wasserstoff ist aus meiner Sicht der eigentliche Schlüssel.
Ein Fazit?
Beim Thema Wasserstoff sind gute Nerven gefragt. Die Volatilität des Sektors war in der Vergangenheit sehr hoch und wird vermutlich auch in naher Zukunft hoch bleiben. Langfristig bin ich aber überzeugt, dass Wasserstoff ein unverzichtbarer Baustein der Energiewende werden wird — sei es für die dezentrale Versorgung von Rechenzentren, als Langzeitspeicher für überschüssigen Ökostrom, als Grundstoff für E-Fuels in Luftfahrt und Industrie oder auch für den Antrieb von PKW mit Verbrennungsmotor über E-Fuels.
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