„Die Welt in und für Europa wird unsicherer. Europa muss sich offensichtlich emanzipieren“, sagt Top-Trader Richard Dobetsberger. Folgerichtig lag der Fokus in UMBRELLA zuletzt auf gleich drei europäischen Large Caps - insgesamt machten Europa-Aktien zuletzt 51,9 Prozent des wikifolios aus. Es sei auch der Glaube an Europa, der damit verbunden ist.
Für Dobetsberger ist es eine Turnaround-Wette, gleich in mehrfacher Hinsicht. Zunächst wettet er mit Bayer und Novo Nordisk auf zwei Prügelknaben, denen er nach einer ersten Bodenbildung in den Aktienkursen zutraut, die Wende zu schaffen. Und mit dem deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall, der weiter im wikifolio bleibt, setzt er darauf, dass auch Europa den Turnaround schafft - und mit mehr Selbstvertrauen aus der aktuellen geo- und wirtschaftspolitischen Unsicherheit hervorgeht.
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Diese Unsicherheit hat sich auch nach dem Grönland-Rückzieher von US-Präsident Donald Trump in Davos nicht plötzlich in Wohlgefallen aufgelöst. Tatsächlich hat die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen inzwischen klargestellt, dass es keine Einigung auf irgendeine Rahmenvereinbarung für die zu Dänemark gehörende Arktis-Insel gibt. Aber selbst wenn Grönland wie durch ein Wunder von heute auf morgen kein Thema mehr wäre, kann der Handelsstreit oder sonst ein Streit mit den USA jederzeit wieder eskalieren. Ganz abgesehen von anderen weiter brodelnden Konflikten, wie etwa jenem in der Ukraine.
Europe First – auch an der Börse?
Europe First!? Klingt gut. Und macht eben auch in der Geldanlage Sinn. Darauf deutet die aktuelle Asset Allocation in den wikifolios hin. Anfang 2026 hat der Anteil des in wikifolio-Zertifikaten investierten Kapitals, der in europäischen Einzelaktien steckt, das US-Exposure überholt. Nicht nur das: Der Abstand hat sich seither rasant ausgeweitet. Aktuell entfallen 42 % des investierten Kapitals auf Europa-Aktien. Und weniger als 28 % auf US-Titel. Bei Top-Tradern beliebt sind weiter deutsche Large Caps: Rheinmetall, Bayer oder Allianz sind in besonders vielen wikifolios mit dem „Alpha Strong“-Merkmal vertreten.
Kurzum: Nicht nur Dobetsberger setzt derzeit verstärkt auf Europa. Wir haben mit Christian Scheid, Simon Weishar und Philipp Haas gesprochen. Auch sie halten einen Europa-Fokus aufgrund der politischen Situation aber auch aus Bewertungsgründen aktuell für sinnvoll.
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In Europa gibt es eine Vielzahl toller Unternehmen, die manchmal sogar Geschäftsmodelle haben, die denen in den USA entweder voraus sind oder es gar kein entsprechendes Pendant gibt.
Simon Weishar erklärt, worauf es ankommt: „Letztendlich ist es immer eine Bewertungsfrage: Für US-Unternehmen zahlt man häufig einen höheren Preis und wenn ich ein gleichwertiges Unternehmen in Europa günstiger bekomme, dann entscheide ich mich eher dafür.“ Zumal es in Europa dem Trader zufolge eine Vielzahl toller Unternehmen gibt, die manchmal sogar Geschäftsmodelle haben, die denen in den USA entweder voraus sind oder es gar kein entsprechendes Pendant gibt. Er schickt gleich vier Aktien, auf die das zutrifft, ins Rennen um den europäischen Top-Pick. Sie sind allesamt auch in seinem wikifolio Szew Grundinvestment vertreten sind.
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Auch Christian Scheid ( Special Situations long/short ) weiß, wann Europa im Depot punkten dürfte: „Sollte der Handelsstreit wieder eskalieren, dürfte es an der Börse auch Profiteure geben. Im Fokus stehen dann europäische Player, die bei Unternehmenskunden und Behörden als alternative Anbieter zu US-Konzernen in Betracht kommen – etwa aus Risiko-, Compliance- und Kostengründen, wenn Zölle, Exportregeln oder politische Vorgaben US-Anbieter unattraktiver machen.“ Leider gibt es dabei, wie Scheid weiß, auch einen Haken: „Viele europäische ‚Gewinner‘ verdienen selbst viel Geld in den USA oder hängen an US-Komponenten. Daher sollten Anleger strikt auf den Europa-Fokus achten.“ Scheid kürt zwei Unternehmen zu seinen europäischen Favoriten.
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Gemeinsam mit den insgesamt gleich fünf Ideen für europäische Top-Picks von Philipp Haas (wikifolio Nebenwerte Europa ), die sich vor den USA nicht verstecken müssen, und den drei Large Caps von Richard Dobetsberger landen wir bei insgesamt 11 europäischen Unternehmen und somit MEGA-Picks, die zeigen, dass Europa vielleicht noch nicht großartig ist, aber auf bestem Weg dahin.
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Risikohinweis: Was folgt stellt keine Anlageberatung und auch keine Kaufempfehlung für die genannten Aktien dar. Die Investition in Aktien ist mit Risiken behaftet. Mehr Infos im Disclaimer am Ende des Beitrags.
1. Ionos – die Cloud-Alternative zu US-Hyperscalern
Das IT-Infrastrukturunternehmen (vormals 1&1) aus Deutschland haben Haas, Weishar und auch Scheid zum Top-Pick auserkoren. Weishar dazu: „Ionos ist der führende europäische Anbieter für Webhosting und Cloud-Lösungen, der gezielt auf die Bedürfnisse des Mittelstands zugeschnitten ist. Das Unternehmen punktet gegenüber US-Konkurrenten vor allem durch Datensouveränität nach europäischem Recht und erzielt durch ein Abo-Modell sehr stabile, planbare Umsätze. Diesen Standortwettbewerbsvorteil könnten sie zukünftig auch ausnutzen, wenn es um die in Europa rechtssichere Verwendung von KI-Agenten geht. "
Scheid begründet ähnlich: „Wenn bei Unternehmen und Behörden die Bereitschaft wächst, US-Hyperscalern zumindest in Teilen auszuweichen, steht Ionos als europäischer Cloud- und Hosting-Anbieter bereit.“
Und Haas dazu: „Ionos ist defensive Qualität, günstig bewertet.“ Das Cloud-Geschäft sollte, wie der Trader bestätigt, vom EU-Reshoring profitieren. Weiterer Pluspunkt: Im Management ist seit Anfang des Jahres Patrik Heider als CFO mit von der Partie: „Er hat schon bei Nemetschek gut zugekauft.“
2. Eutelsat – die Antwort auf Starlink
Der Satellitenbetreiber bekommt die Stimme von wikifolio Trader Christian Scheid: „Eutelsat ist seit dem Zusammenschluss mit OneWeb 2023 faktisch der einzige bereits operierende Gegenspieler zu Starlink. Genau wie der US-Konzern betreibt OneWeb große Satellitenflotten in niedriger Erdumlaufbahn („Low Earth Orbit“, kurz LEO), wodurch das System gut für Internet- und Datenverbindungen in Echtzeit geeignet ist. Nachteil: Es sind sehr viele Satelliten und ein dichtes Netz an Bodenstationen nötig.“
Dieser Investitionsbedarf bei gleichzeitig hoher Verschuldung machte eine bilanzielle Sanierung unumgänglich. Scheid summiert: „Inzwischen hat die Aktie die Maßnahmen verdaut, seit Jahresanfang ging es um 30 % nach oben. Nicht zuletzt dank des Rekordbudgets der Europäischen Raumfahrtbehörde von mehr als 22 Milliarden Euro für die nächsten drei Jahre stehen die Chancen gut, dass auch Eutelsat den einen oder anderen Auftrag abstauben kann. Risikobereitschaft mitbringen!“
3. Wise – das Pendant zu PayPal
Weishar und Haas voten für das britische Fintech . Weishar dazu: „Wise hat den internationalen Zahlungsverkehr durch transparente Gebühren, echte Wechselkurse (ohne versteckte Aufschläge) und Schnelligkeit radikal vereinfacht und ist damit den klassischen Banken überlegen. Sie haben eine globale Infrastruktur aufgebaut, die ihnen effizienteres Wechseln ermöglicht. Das Unternehmen ist bereits hochprofitabel und wächst besonders stark im Bereich der Geschäftskunden, die eine unkomplizierte Lösung für den weltweiten Zahlungsverkehr suchen. Dabei hat man erst einen winzigen Teil des internationalen Zahlungsverkehrs erobert und noch sehr viel Wachstumspotential.“
Haas ergänzt: „Wise ist Weltmarktführer bei Cross Border Payments mit extremem Kundenfokus durch das günstige Angebot. Ich halte das Fintech für eines der qualitativ hochwertigsten Unternehmen in Europa.“
4. InPost – die Antwort auf Amazons Haustürzustellung
Überraschenderweise schafft es auch ein Postunternehmen in die Top-Picks der Top-Trader. Weishar erklärt zum polnischen Logistiker : „InPost hat mit Paketstationen ein strukturell überlegenes Zustellmodell aufgebaut: günstiger, schneller und nachhaltiger als Haustürzustellung. Das Unternehmen ist sehr technologiegetrieben und kann dadurch deutlich effizienter arbeiten als andere Paketdienstleister. Nach der Marktführerschaft in Polen expandiert das Unternehmen aktuell erfolgreich in großen Märkten wie Großbritannien und Frankreich, was für reichlich Wachstumspotential sorgt.“
5. Trainline – Zugticket-App ohne Konkurrenz
Die britische vervollständigt Weishars Favoritenliste: „Trainline ist die führende Plattform für digitale Zugtickets in Europa. Trainline bündelt über 270 Bahn- und Busanbieter in einer App und löst so das Problem des Wettbewerbsvergleichs und der komplizierten Ticketbuchung über Ländergrenzen hinweg. Da es in den USA kein vergleichbares Schienennetz mit Wettbewerb gibt, besetzt Trainline eine einzigartige Marktposition und profitiert massiv vom Trend zu umweltfreundlicheren Reisen in Europa. Gleichzeitig hat man ein stark wachsendes B2B-Geschäft bei dem andere Reisevermittler die Plattform von Trainline nutzen.“
6. Molten Ventures – Risikokapital für Tech-Startups
Ein weiterer Favorit von Haas ist der britische Wagniskapitalgeber : „Venture Capital zum Discount mit Fokus auf Europa“, so der Trader. Investiert wird primär in wachstumsstarke europäische Technologie-Startups. Zu den Beteiligungen zählen die britische Neobank Revolut mit weltweit über 65 Millionen Kunden und das deutsche Weltraum-Startup-Unternehmen Isar Aerospace. Auch Molten Ventures sollte, so Haas, von EU-Reshoring bei Software (also der Rückverlagerung von IT-Dienstleistungen nach Europa) profitieren.
7. Shelly – Smart-Home-Alternative zu Amazon & Co.
Chancen sieht Haas außerdem weiter beim bulgarischen Smart-Home-Anbieter , dessen Aktie seit Jahresanfang um gut 13 % zulegen konnte und sich auf Jahressicht fast verdoppelt hat. Haas kurz: „Sehr gute Hardware und Software im IOT (Internet of Things)-Bereich mit Wachstumsraten von +30 %.“ Positiver Nebeneffekt, so Haas: „Ich möchte weniger US- und chinesische Anbieter bei Smart-Home-Anwendungen nutzen.“
8. Ion Beam – Protonentherapie gegen Krebs ohne Konkurrenz
Das Medtech-Unternehmen ist Haas letztes Pferd, das ins Rennen geht. Die Belgier sind Weltmarktführer in der Protonentherapietechnologie, die in der Krebsbehandlung eingesetzt wird. Haas summiert: „Hier gibt es keine US-Konkurrenz und immer mehr Anwendungsfälle. Gleichzeitig ist die Aktie günstig bewertet.“ Der Small-Cap-Titel mit einem Börsenwert von knapp 600 Millionen Euro hat sich YTD bereits um 18 % verteuert.
9-11. Turnaround-Wetten auf 3 europ. Large Caps
Abschließend werfen wir nochmal einen Blick auf UMBRELLA: In Richard Dobetsbergers wikifolio spielten zuletzt – wie eingangs erwähnt – drei europäische Large Caps eine zentrale Rolle. In einem Interview mit der SdK Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger e.V. erklärt der Trader im Detail seine Beweggründe für ein Engagement.
Das Wichtigste aus dem Video in Kürze:
Der Pharmakonzern könnte laut Dobetsberger nach der Bodenbildung im Chart ein heißer Kandidat für 2026 sein. Der Trader ortet Turnaround-Potenzial – und zwar aufgrund der neuen Führung rund um CEO Bill Anderson, der seit Juni 2023 am Werk ist, rechtlicher Entwicklungen und einer gestärkten Pharma-Pipeline.
Auch ist für Dobetsberger eine Turnaround-Wette. Das Unternehmen sei mit seiner Abnehmpille ein „First Mover“ – es bestehe die Chance auf Volumeneffekte durch die angenehmere Verabreichung im Unterschied zur Abnehm-Spritze. Auch im Chart zeigt sich laut Dobetsberger eine Bodenbildung. Potential sei daher wieder vorhanden. Erst gestern wartete der Pharmagigant allerdings mit einer überraschenden Senkung der Prongose fürs Umsatzwachstum auf. Mehr dazu in den News. Die Aktie brach daraufhin im Xetra-Handel im Tagesverlauf um fast 18 Prozent ein. Dobetsberger reduzierte in der Folge die Aushaftung im wikifolio deutlich auf zuletzt noch vier Prozent - vermutlich aus charttechnischen Gründen. Nach einer aktuellen Einschätzung traut er dem Titel nämlich weiter die Wende zu.
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Elon Musk verspricht Sachen, die wir wahrscheinlich 2055 noch nicht erleben werden, aber die jetzt schon im Aktienkurs eingepreist sind. Das ist bei Rheinmetall definitiv nicht der Fall.
Die deutsche Rüstungsschmiede ist laut Dobetsberger der Nutznießer schlechthin, wenn es um eine gestärkte, unabhängigere Verteidigungsstrategie für Europa geht und bleibt daher im wikifolio. Außerdem sei CEO Armin Papperger eine integre Persönlichkeit, so der Trader: „Er ist eine Ikone im DAX, der Rheinmetall schon sehr lange und sehr solide führt. (…) Er liefert in der Regel, was gesagt wird.“ Da gäbe es andere Charaktere, erklärt der Molekularbiologe: „Elon Musk verspricht Sachen, die wir wahrscheinlich 2055 noch nicht erleben werden, aber die jetzt schon im Aktienkurs eingepreist sind. Das ist bei Rheinmetall definitiv nicht der Fall.“
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