Droht jetzt die große Inflation?

Um fast 50 Prozent hat sich der Goldpreis seit Mitte 2018 verteuert. Gold kostet nunmehr knapp 2.000 US-Dollar je Feinunze und damit so viel wie nie zuvor. Nun gilt physisches Gold seit jeher als Garant für Wertstabilität. Anleger kaufen es, um sich vor Inflation zu schützen – oder im Extremfall vor dem Zusammenbruch eines Währungssystems. Ist es nun also soweit?

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Quelle: Fabian Blank, unsplash.com

Die Notenbanken drucken jedenfalls Geld – und zwar viel. Ein Punkt, der isoliert betrachtet, für Inflation spricht.

Die große Geldschwemme

Beispiel: Eurozone. Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft den Geschäftsbanken im Rahmen ihres Notkaufprogramms bis Ende Juni 2021 Staats- und Unternehmensanleihen im Wert von 1,35 Billionen Euro ab. Das heißt, die EZB bekommt Anleihen, die Banken Euro-Reserven. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer geht außerdem davon aus, dass die Währungshüter das Programm aufstocken werden.

Darüber hinaus könnte die EZB laut Krämer ihr Inflationsziel ändern – wie die US-Notenbank Fed schon vor ihr. Und zwar von „knapp unter zwei“ auf „durchschnittlich zwei Prozent“. Denn die Notenbanken würden so auch Inflationsraten von über zwei Prozent zumindest vorübergehend akzeptieren. Die Folge: Eine länger andauernde, noch expansivere Geldpolitik wird ermöglicht.

Die großen Schuldenberge

Die Ökonomen von JPMorgan haben für die USA außerdem eine Rechnung erstellt: Allein im laufenden Fiskaljahr könnte sich das US-Defizit auf 3,8 Billionen Dollar belaufen. Der US-Schuldenberg könnte von 79 Prozent des BIP per Ende 2019 auf 109 Prozent des BIP per Ende 2021 anwachsen – ein weiterer Grund, um reale Geldentwertung zumindest zuzulassen.

„Die Anleger haben immer Angst. Fallen die Kurse, haben sie Angst. Steigen sie, haben sie auch Angst. Die EZB kämpft mit einer Deflation. Wovor haben die Anleger Angst? Vor Inflation. Absurd. Aber so ist das immer. Nichts fürchten die Deutschen und die Österreicher so sehr wie Inflation.“

Christian Thiel
sparstrumpf

Angesichts dieser Punkte ist es nicht weiter verwunderlich, dass Untergangspropheten einmal mehr Hochkonjunktur haben. So sei eine hohe und sich lange hinziehende Kaufkraftentwertung des Geldes die zentrale Herausforderung für Anleger, schreibt etwa Thorsten Polleit, Chefökonom von Degussa Goldhandel, in einem Gastbeitrag für Focus online: „Der Druck hat zugenommen, eine noch inflationärere Geldpolitik zuzulassen. Denn nur mit einer fortgesetzten Vermehrung der Geldmenge zur Finanzierung der Staatshaushalte und der Einkommen der Bevölkerung wird man in der Lage sein, die Kreditpyramide vor dem Einsturz zu bewahren.“ Eine Lösung für Anleger kennt Polleit: physisches Gold.

Die große Angst vor Inflation

Die Teuerungsraten könnten zukünftig durchaus anziehen – Konjunktiv. Christian Thiel ( sparstrumpf ), der unter anderem das wikifolio Global Champions verwaltet, ist gewohnt direkt: „Die Anleger haben immer Angst. Fallen die Kurse, haben sie Angst. Steigen sie, haben sie auch Angst. Die EZB kämpft mit einer Deflation. Wovor haben die Anleger Angst? Vor Inflation. Absurd. Aber so ist das immer. Nichts fürchten die Deutschen und die Österreicher so sehr wie Inflation.“ Tatsächlich fiel die Inflation in der Eurozone im August negativ aus – erstmals seit 2016. Die Verbraucherpreise sanken um 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das unmittelbare Problem ist also Deflation.

Die große Gelddruckerei der Notenbanken spricht isoliert betrachtet für Inflation. Schließlich steigen die Euro-Reserven der Banken. Damit ist es aber nicht getan. Das Mehr an Euros muss erst in der Wirtschaft ankommen, um Inflation verursachen zu können (siehe auch Umschlagshäufigkeit des Geldes in Inflation: Warum steigende Preise kein Weltuntergang sind)

Ist das die große Geldentwertung?

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Christoph Neemann ( MinusSinus ) ist bereits seit September 2016 als Trader auf wikifolio.com aktiv. Sein wikifolio Minus Sinus Value Select liegt hinsichtlich Performance vor der US-Technologiebörse Nasdaq – und kommt dabei so gut wie ohne Tech-Aktien aus. Die Preisentwicklung ist sehr schwer vorherzusagen, sagt er. „Covid-19 hat in gewissen Bereichen zu einer deutlichen Kaufzurückhaltung geführt, zum Beispiel weil Geschäfte geschlossen waren. Das kann zunächst deflationäre Tendenzen verursachen. Die Stimulationsprogramme haben einen Teil davon auffangen können, aber sicher nicht alles.“