"Es gibt eine Fähigkeit, die immer nachgefragt werden wird"

Christoph Neemann aka MinusSinus ist ein Value Investor wie er im Buche steht. Wir sprechen mit ihm über emotionale Hürden beim Investieren - und seinen Weg zum kühlen Kopf, wenn ein Investment mal nicht so läuft wie geplant. Außerdem sprechen wir über Aktien, die er womöglich seinen Kindern vererben würde. Und - natürlich - über Tesla. Info am Rande: Neemann kann mit seinem wikifolio auch eine sensationelle Performance vorweisen.  

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Herr Neemann, Ende November 2018 hat „Zeit Online“ Sie und Ihr wikifolio Minus Sinus Value Select in einem Artikel mit dem Titel „Die Überflieger“ kurz portraitiert. Heute, gut ein halbes Jahr später, könnte man die Geschichte mit dem selben Titel nochmal schreiben. Mehr als 30 Prozent Performance konnten Sie seit Jahresanfang mit dem wikifolio erzielen – nach Gebühren. Kein Index kann da mithalten. Herr Neemann, wie viel Überflieger steckt in Ihnen?

Christoph Neemann ( MinusSinus ): Als Value Investor verliert man eigentlich ungern die Bodenhaftung – ich habe immer gerne beide Füße auf dem Boden der Tatsachen. Die Performance des wikifolios freut mich natürlich, aber Überheblichkeit wäre gefährlich. Phasen mit viel Rückenwind können auch einmal vorbeigehen. Trotzdem ist natürlich der Ehrgeiz eines jeden Value Investors, den Index zu schlagen.

Was machen Sie hauptberuflich? Und warum wird man darüberhinaus noch wikifolio-Trader?

Hauptberuflich bin ich bei einem Windkraftanlagenhersteller tätig und bin verantwortlich für Produktinnovation im digitalen Bereich. Privat beschäftige ich mich seit Ende der 1990er Jahre mit Aktien-Investments – und habe über die Jahre mit viel Lehrgeld meine Methoden und Ansätze verfeinert. Als „Freizeitaktivität“ hat man dafür natürlich nicht beliebig viel Zeit, und deshalb habe ich mir viele Tools erstellt, die mir die Recherche und Analyse weitgehend automatisieren. So kann ich mich vor allem auf die qualitativen Faktoren konzentrieren. 

Irgendwann kam dann der Gedanke, dass ich die Dinge, die ich ohnehin in meinem privaten Portfolio mache, auch in einem wikifolio spiegeln kann. Das hat zwei schöne Effekte: Erstens können andere dadurch von meiner Recherche profitieren, indem sie in das wikifolio-Zertifikat investieren. Zweitens hat es einen disziplinierenden Effekt auf mich als Investor: Jedes Investment im wikifolio ist 100 Prozent transparent für die Öffentlichkeit. Wenn ich also zum Beispiel gefragt werde, warum ich jetzt diese oder jene Aktie aufgenommen habe, brauche ich eine fundierte Antwort. Bauchentscheidungen werden damit ziemlich effektiv unterbunden.

Chart

Kennzahlen

  • +139,3 %
    seit 14.09.2016
  • +43,8 %
    1 Jahr
  • 1,2×
    Risiko-Faktor
  • EUR 2.604.961,23
    investiertes Kapital
Top-Trader und Bestseller

Sie sind ein Value Investor, der unterbewertete Unternehmen sucht und darauf setzt, dass der Markt über kurz oder lang diese Fehlbewertung korrigiert – so ähnlich wie auch zum Beispiel Warren Buffett das macht. Im Prinzip ist der Erfolg bzw. die positive Performance bei einem Investment stets also nur eine Frage der Zeit. Klingt einfach, ist es aber nicht, oder?

Auf dem Papier ist Value Investing relativ einfach. In der Realität gibt es die Rabatte auf den „Fair Value“ aber nur, wenn das Investieren gerade eine besondere emotionale Herausforderung darstellt: Das Unternehmen hat gerade kurzfristige Probleme, es gibt Skandale oder sogar Katastrophen, wie zum Beispiel Boeing’s 737 Max. In solchen Situation bekommen viele Investoren doch feuchte Hände und trauen sich nicht, zuzugreifen – und vor allem dabei zu bleiben, wenn es dann nochmal 30 Prozent runter geht – was den idealen Value Investor eigentlich nicht berühren sollte.

Wie behalten Sie als Aktionär also einen kühlen Kopf?

Um diese emotionalen Hürden im Zaum zu halten, mache ich folgendes: Ich mache mir erst eine Bewertung der Aktie unter normalisierten Bedingungen. Ich schreibe mir alle kritischen und negativen Argumente auf, warum man die Aktie nicht kaufen sollte, und überlege mir, welche davon nur temporär sind und was passieren müsste, damit sie sich auflösen. Und ich schreibe mir eine Liste mit Gründen auf, warum ich die Aktie später vielleicht doch verkaufen würde. Wenn dann der Kurs weiter absackt und ich – wie jeder andere – auch manchmal weiche Knie bekomme und in Versuchung gerate, zu verkaufen, schaue ich auf diese beiden Listen. Und wenn der Grund, aus dem ich heute verkaufen will, nicht draufsteht und auch nicht aus neuen Fakten, sondern nur aus dem Sentiment begründet ist, bleibe ich drin, kaufe teilweise auch nach. Das auszuhalten ist der schwierige und schmerzhafte Teil. Und man wird nicht in 100 Prozent der Fälle richtig liegen können.

Auch wenn ich nicht an ewige Performer glaube, sehe ich vielleicht eine Fähigkeit, die immer nachgefragt werden wird: Das ist die Fähigkeit, gute Geschichten zu erzählen, die berühren, Werte vermitteln und zum Handeln veranlassen.

Christoph Neemann
MinusSinus

Achte auf angemessene Diversifikation. Das ist wahrscheinlich der häufigste Rat, den jemand bekommt, der sein Geld an der Börse investieren will. Ein Blick auf Ihr wikifolio und Ihre Handelsidee verrät, dass Sie das etwas anders sehen. Warum bringt Diversifikation alleine nichts?

Es gibt ein schönes Zitat von Warren Buffett: „Diversifikation ist ein Schutz gegen Unwissenheit. Sie macht wenig Sinn, wenn du weißt, was Du tust.“

Es ist immer eine Abwägung zwischen „Wie viele Unternehmen kann ich realistisch in Tiefe verstehen und beobachten?“ und „Wie sicher bin ich mir in der Genauigkeit meiner Bewertung, dass ich mich traue, nur auf wenige Pferde zu setzen?“. Für mich ist es eine pragmatische Entscheidung: Ich habe nicht die Zeit bei über 50 Unternehmen in 20 Branchen auf dem Laufenden zu bleiben. Also fokussiere ich mich auf wenige, bei denen ich ein gutes eigenes Grundverständnis oder Zugang zu guten Quellen habe.

Ihr wikifolio ist entsprechend relativ stark konzentriert. Das Pharmaunternehmen Clinuvel nimmt ein Fünftel des Depotwerts ein. Was macht die Aktie so attraktiv? 

Clinuvel ist die erste Aktie, in die ich 2016 im Rahmen des wikifolios eingestiegen bin – damals noch zu 3,70 Euro. Privat besitze ich die Aktie seit 2009, als ich beruflich die Gelegenheit hatte, das Unternehmen kennenzulernen und zu sehen, welche breite Anwendungsmöglichkeit der Wirkstoff Afamelanotide hat. Das Unternehmen hat dann viele Jahre gekämpft, die Marktzulassung zu erreichen, und hat viele Rückschläge einstecken müssen. Bei jedem Rückschlag habe ich meine Bewertungshypothese hinterfragt, neue Einsichten recherchiert, und meistens hinterher mehr gekauft. In diesem Fall war wirklich die Geduld des Value Investors gefragt – fast 10 Jahre hat es gedauert bis die Aktie von einem erweiterten Investorenkreis entdeckt und die Unterbewertung schrittweise reduziert wurde.

Wie viel Potenzial sehen Sie noch trotz der Rallye?

Je nachdem, welche Anwendungsbereiche man für den Wirkstoff einbezieht, bewegt sich der faire Wert heute aus meiner Sicht zwischen 25 bis 35 Euro je Aktie. Das Schöne ist jedoch, dass sich mit jedem Jahr neue potentielle Anwendungsfelder ergeben, so dass der faire Wert in Zukunft noch weiter ansteigen kann. Deshalb ist es mir wichtig, den Entwicklungen zu folgen und nicht an statischen Kurszielen festzuhalten. Ich gehe davon aus, dass Clinuvel mich noch ein Jahrzehnt begleiten wird (wenn sie nicht vorher übernommen werden).

Darüber hinaus ist das wikifolio sehr defensiv ausgerichtet. Der größte Anteil entfällt aktuell auf Aktien aus der Pharmaindustrie (nicht nur wegen Clinuvel), gefolgt von einem Cash-Polster und zwei Goldminenbetreibern. Spiegelt sich darin auch eine gewisse Skepsis gegenüber der aktuellen Marktlage wider?

Ich habe im letzten halben Jahr einiges in Konsumgüteraktien verschoben, aber auch dort sind die Bewertungen inzwischen angestiegen, so dass ich wieder reduziert habe. Ich erwarte eine gewisse Abkühlung in der Weltwirtschaft, die durch hohe Verschuldungsgrade stark auf Investitionen und Gewinne durchschlagen würde. Ich muss aber zugeben, dass ich darauf eigentlich schon seit drei Jahren warte. Diese Skepsis ist auch ein Grund für meine geringe Diversifizierung: Es gibt aus meiner Sicht immer weniger günstige Aktien.

Welche Maßnahmen setzen Sie, um größere Verluste infolge zum Beispiel eines allgemeinen Bärenmarktes zu verhindern?

Die hohe Cash-Quote ist ein Schutzmechanismus. Die Goldminen-Aktien sind ein Schutz gegen potentielle finanzielle und Wähungskrisen. Ich bin kein Experte für Geld- und Währungspolitik, aber die Antworten auf die globale Finanzkrise 2008 bergen aus meiner Sicht gewisse Risiken für die Zukunft: Die künstlich niedrig gehaltenen Kapitalkosten lassen mehr Investments lukrativ erscheinen, als es tatsächlich sind. Als Value Investor versuche ich, auf Market Timing zu verzichten – aber in Summe schlafe ich besser mit ein paar Versicherungen.

Sie betreiben unter www.minussinus.de auch einen eigenen Blog. Im September 2018 haben Sie anhand von Tesla erklärt, wie Filterblasen das Value Investing verändern bzw. verhindern, dass die Aktie sich ihrem fairen Wert annähert. Die Aktie ist seither deutlich gefallen. Sind die Tesla-Bullen letztendlich doch in der Realität angekommen?

Mehr dazu: Der Fall Tesla: Wie Filterblasen das Value Investing verändern

Tesla ist sicher eine der Aktien, die am meisten polarisiert. Die Bullen finden in der Regel das eingängige Narrativ des integrierten Konzerns mit Energieproduktion und -speicherung, Elektromobilität und nun auch Autonomem Fahren spannend. Dazu kommt die Aura eines heldenhaft inszenierten CEO Elon Musk, der viele Leute fasziniert. 

Als Bär sehe ich zwar ein Unternehmen, das ein Produkt mit zahlreichen Begeisterungsmerkmalen mitbringt, das sich aber einen nicht nachhaltigen Preispunkt für sein Angebot ausgesucht hat, der trotz der zu erwarteten Lernkurveneffekte bei den Kosten mittelfristig nicht profitabel sein wird. Durch den zu niedrigen Preis und die lange Zeit bis zum Produktionsstart hat man aus dem Vorbestellungshype eine zu hohe nachhaltige Nachfrage abgeleitet – und sitzt jetzt auf teuren Überkapazitäten, die im Verhältnis zum Wettbewerb mit Jahrzehnten von Erfahrung in automobiler Massenproduktion nicht effizient genug sind. Man hat also skaliert, ohne den Break-Even-Punkt zu erreichen – und hat nun einfach ein größeres, weiterhin strukturell defizitäres Geschäftsmodell. 

Ich glaube, der Kurs ist in den letzten Monaten der Realität etwas näher gekommen. Wenn Tesla realistisch bewertet wird, sehe ich eher zweistellige Kurse, oder eine Restrukturierung nach Chapter 11. Ich bin gespannt, welches der beiden Lager recht behalten wird.

Welche Aktie/n würden Sie aktuell kaufen, um sie dann irgendwann Ihren Kindern zu vererben?

Wenn ich so die Geschichte von Aktien wie Nokia oder General Electric anschaue, scheint es keine Aktien mehr für die Ewigkeit zu geben. Deshalb würde ich etwas von ideellem Wert nehmen – Unternehmen, die dafür sorgen, dass die Welt für unsere Kinder lebenswert ist und bleibt. Dazu zählen für mich die erneuerbaren Energien, also zum Beispiel First Solar , Siemens Gamesa und Vestas .

Auch wenn ich nicht an ewige Performer glaube, sehe ich vielleicht eine Fähigkeit, die immer nachgefragt werden wird, weil sie tief im menschlichen Bedürfnis nach Sinn verwurzelt ist: Das ist die Fähigkeit, gute Geschichten zu erzählen, die berühren, Werte vermitteln und zum Handeln veranlassen. Hier ist für mich Walt Disney sicher herausragend.

Gibt es andere wikifolio-Trader, denen Sie folgen bzw. von denen Sie selbst beeindruckt sind?

Ich nutze die wikifolio-Watchlist, auf der ich etwa 30 wikifolios von Tradern habe, die ich vorbildlich oder anregend finde. Speziell hervorheben möchte ich Stefan Waldhausers High-Tech Stock Picking , der im Tech-Bereich sehr konsequent und strategisch sein Portfolio pflegt. Oder auch Thomas Dittmers Spezialwerte , der bei einer unglaublich niedrigen Volatilität eine tolle Performance zeigt.

Herr Neemann, danke für das Gespräch.

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Setzen Sie Minus Sinus Value Select auf Ihre Watchlist und verpassen Sie keinen Trade und kein Kommentar!

Minus Sinus Value Select

 


 

Disclaimer: Jedes Investment in Wertpapiere und andere Anlageformen ist mit diversen Risiken behaftet. Es wird ausdrücklich auf die Risikofaktoren in den prospektrechtlichen Dokumenten der Lang & Schwarz Aktiengesellschaft (Endgültige Bedingungen, Basisprospekt nebst Nachträgen bzw. den Vereinfachten Prospekten) auf www.wikifolio.com, www.ls-tc.de und www.ls-d.ch hingewiesen. Die Performance der wikifolios sowie der jeweiligen wikifolio-Zertifikate bezieht sich auf eine vergangene Wertentwicklung. Von dieser kann nicht auf die künftige Wertentwicklung geschlossen werden.