Die aktuelle Leitzinsanhebung in der Eurozone ist dabei nur der zweite Zinsschritt in diesem Jahr. Weitere könnten folgen – je nachdem wie sich die Energiepreise und Inflationserwartungen entwickeln. Grundsätzlich sind höhere Zinsen eher eine Belastung für die Aktienmärkte. Sie erhöhen die Finanzierungskosten von Unternehmen und machen Anleihen als alternatives Investment attraktiver. Und von denen gibt es bekanntlich genug. Der KI-Investitionshunger hat die Anleiheemissionen der Tech-Unternehmen in die Höhe getrieben – die je nach Bonität saftige Renditen abwerfen. Meta zum Beispiel hat Unternehmensanleihen ausstehend, die je nach Laufzeit und Restlaufzeit zwischen 4,5 oder gar 7 % Rendite bringen. Aber auch die Renditen auf vermeintlich risikolose Staatsanleihen sind so hoch wie seit vielen Jahren nicht. Es ist also kein Wunder, dass Anleger die relative Attraktivität von Aktien in Frage stellen.
Die Börsen tun sich im September bislang entsprechend schwer. Der DAX hat seit seinem Hoch bei 26,618,74 Punkten, das er Ende August erreicht hat, mittlerweile 4,4 % verloren auf zuletzt rund 25.440 Punkte. Auch an der US-Technologiebörse Nasdaq ist die Tendenz ähnlich negativ – neben den Finanzierungssorgen aufgrund der steigenden Zinsen belasten hausgemachte Probleme die Titel, zuletzt etwa erneute Warnungen vor den Gefahren einer Super-KI und der daraufhin prompt verschobene Börsengang von OpenAI. Insgesamt geht bei Tech-Aktien seit gut 3 Monaten nichts weiter.
Wie lässt sich das Depot nun aber resistent gegen steigende Zinsen machen? Und ist das überhaupt eine valide Strategie? Wir erörtern die Thematik mit den Top-Tradern Christian Scheid , Michael Bichlmeier , Felix Wilsmann und Philip Bußmann – sie beweisen eindrucksvoll, dass viele Wege nach Rom führen, auch am Aktienmarkt.
Die vermeintlichen Gewinner bei steigenden Zinsen
Christian Scheid, der das wikifolio Special Situations long/short führt, ist überzeugt: „Die Börse hat auf die steigenden Zinsen längst reagiert. Für Dezember rechnet der Markt nun mit dem dritten EZB-Zinsschritt im laufenden Jahr. Anleger sollten sich darauf einstellen, dass uns dieses Zinsniveau eine Weile begleitet.“ Wie stellt man das an? Es gibt Unternehmen und ganze Branchen, die von steigenden Zinsen tendenziell recht unbelastet bleiben oder sogar davon profitieren können. Dazu zählen Banken, Versicherer und Unternehmen mit geringer Verschuldung und hoher Preissetzungsmacht. Stark vereinfacht formuliert: Value sollte punkten, Growth leiden. So sind Wachstumsunternehmen per Definition oftmals auf günstige Finanzierungskonditionen angewiesen, um – nona – ihr Wachstum zu finanzieren. Value-Titel wachsen zwar nicht so stark, verfügen aber über stabile Cashflows und solide Bilanzen – und sollten daher in einem Umfeld steigender Zinsen im Vorteil sein. Aber auch Rohstoffunternehmen, die von hohen Öl-, Gold- oder Energiepreisen profitieren, können in so einem Umfeld als attraktives Investment in Frage kommen. Die Krux: Sie können, sollten vielleicht auch, müssen aber nicht. Zur Erklärung:
Banken und Finanzdienstleister profitieren von steigenden Zinsen, da sie die Margen im klassischen Kreditgeschäft verbessern. Scheid dazu: „Bankaktien waren die großen Gewinner der vergangenen zwei Jahre. Der europäische Bankenindex steht nahe seinem Allzeithoch. An der Logik hat sich nichts geändert, nur zahlt man heute eben nicht mehr die Kurse und Bewertungen von 2024. Ich würde die Positionen halten, aber nicht mehr aufstocken.“
Versicherer: Sie nehmen höhere Zinsen bei der Veranlagung von Kundengeldern in Anleihen ein. Am Donnerstag vor der EZB-Sitzung waren die Rückversicherer und daher auch die Gewinneraktien im DAX. Aber auch hier wartet nicht die sprichwörtliche „gmahte Wiesn“ auf den motivierten Aktienanleger. Scheid erklärt: „Bei Versicherern bin ich vorsichtiger geworden. Höhere Zinsen helfen bei der Wiederanlage, das ist unbestritten. Gleichzeitig dreht der Preiszyklus. Die Munich Re hat nach den Juli-Erneuerungen die Umsatzprognose zurückgenommen, weil bei den Verträgen wieder Rabatte durchgehen. Was auf der Zinsseite hereinkommt, geht bei den Prämien wieder heraus.“
Rohstofftitel: Steigende Rohstoffpreise treiben aktuell die Teuerung. Rohstoffe sind knappe Güter, insbesondere Gold gilt als Inflationsschutz. Scheids Urteil: „Rohstoffwerte überzeugen mich von allen Kategorien am meisten. Dort ist der Zusammenhang unmittelbar. Steigt der Ölpreis, steigt der Gewinn. Brent notiert bei über 100 Dollar pro Barrel, Gold bei knapp 4.300 Dollar je Unze.“
Scheids Top-Picks aus der Rohstoffwelt
Die attraktivsten Einzelaktien, um sein Depot „zinsfest“ zu machen, verortet Scheid daher auch in der Rohstoffbranche – bei Ölförderern und Minenbetreiber. „ fördert Öl in den USA und ist trotzdem in Frankfurt notiert. Das Unternehmen hat die Prognose in diesem Jahr bereits zweimal angehoben, zuletzt auf ein EBITDA von 290 bis 310 Mio. Euro. Selbst nach dem Kursanstieg liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis bei nur etwa vier“, begründet Scheid. Und ergänzt: „ ist die konservative Variante desselben Themas. Der freie Cashflow stimmt, die Dividende wurde erhöht, und gegenüber Exxon und Chevron besteht weiterhin ein Bewertungsabschlag.“
Den Aktien von Minenbetreibern würde der Trader aktuell auch den Vorzug gegenüber einer direkten Investition in Gold geben. „Bei einem Goldpreis von 4.300 Dollar verdienen die Produzenten außergewöhnlich gut, weil ihre Förderkosten viel langsamer steigen als das Metall. und schreiben derzeit Rekordzahlen. Mir gefallen die Minenaktien deshalb besser als der Rohstoff selbst. Mein Favorit aus der zweiten Reihe ist – die Aktie halte ich auch im wikifolio Special Situations long/short“, so Scheid.
„Raus aus zinssensiblen Positionen“
Von schematischem Umschichten hält Scheid übrigens wenig: „Growth raus, Value rein klingt in der Theorie sauber und funktioniert in der Praxis selten. Zinsen sind vor allem ein Problem für Unternehmen, die laufend frisches Geld brauchen. Wer volle Kassen und eine ordentliche Marge hat, ist ein Substanzwert, auch wenn die Aktie zufällig im Nasdaq notiert.“ Ein prominentes Beispiel wäre wohl . Der Konzern hat die Preise für die neue iPhone-Generation deutlich angehoben. Auch das neue faltbare iPhone Duo ist teuer. Analysten sagen: Apple kann es sich leisten und sichert sich so seine hohen Margen. Hier trifft Preissetzungsmacht auf eine solide Bilanz. Steigende Zinsen dürften Apple also kaum belasten.
„Wenn ich etwas verkaufen würde“, fährt Scheid fort, „dann die zinssensiblen Positionen: Lange Anleihen, Immobilienwerte und Versorger. Damit würde ich Rohstoffwerte kaufen. Ein gut laufendes Unternehmen nur deshalb abzugeben, weil es in der falschen Schublade liegt, halte ich für keine gute Idee.“
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Bichlmeier setzt auf Cybersecurity und Raffinerien
Auch Michael Bichlmeier rät von einer pauschalen Umschichtung von Growth in Value ab: „Für mich ist entscheidender, wie attraktiv ein einzelnes Unternehmen fundamental und insbesondere hinsichtlich seines aktuellen Momentums ist, als die reine Einordnung in Growth oder Value.“ Sein wikifolio AlphaStars wird er nur aufgrund des aktuellen Zins- und Inflationsumfelds also nicht umbauen: „Meine Strategie bleibt ihrem Ansatz treu: Ich investiere in die Aktien, die aus meiner Sicht aktuell die besten Chancen und das stärkste Momentum aufweisen. Wenn sich dadurch zeitweise eine stärkere Gewichtung bestimmter Branchen oder Investmentstile ergibt, ist das für mich eher das Ergebnis der Aktienauswahl als eine bewusste makroökonomische Umschichtung.“
Den größten Anteil am wikifolio haben Tech-Aktien. Sie kommen auf fast die Hälfte des Gewichts. Allerdings liegt der Fokus bei Bichlmeier nicht etwa auf den klassischen Big Tech- oder KI-Namen, sondern auf der Cybersecurity-Branche. Mit dabei sind , oder . Alle drei Titel konnten zuletzt stark zulegen.
Zu Bichlmeiers Favoriten zählt zudem die Energie-Branche mit 25 % Anteil am wikifolio. Der Trader setzt hier aktuell vor allem auf US-Raffineriebetreiber. Top-Holding ist , vertreten zudem oder . Sie alle liegen auf Jahressicht dreistellig und auf Monatssicht zweistellig im Plus.
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Wilsmann: Silber, Uran, Öl und Berkshire als Top-Pick
Rohstoff- und energielastig ist auch das wikifolio 5 Sektoren Diversifikation von Felix Wilsmann: „Genau dort vermute ich auch die größten Chancen in der Zukunft“, erklärt er. Neben einem Silber-ETC und einem ETF auf Uranbergbauunternehmen setzt Wilsmann aktuell noch auf 8 Einzelaktien aus den Bereichen Öl, Chemie und Grundstoffe.
„Edelmetallen traue ich in den nächsten Jahren zu, weiterhin gut zu laufen oder zumindest ein sicherer Hafen in einem inflationären Umfeld zu sein“, erklärt er und stimmt damit etwa mit wikifolio Trader Christian Scheid überein. Wilsmanns Favoriten: „Ich setze am liebsten auf Streamer wie (sie finanzieren Bergbauprojekte im Tausch gegen einen Anteil an deren künftiger Metallproduktion, Anm.). Denn im Gegensatz zum Metall selbst gibt es hier unternehmerisches Wachstum und eine Dividende, allerdings ohne das Produktionsrisiko der Miner.“
Potenzial sieht er entsprechend seiner Ausrichtung im wikifolio auch noch in der Energiebranche. „Vor allem Öl aber auch Kohle und Uran könnten in den nächsten Jahren gut laufen. Öl ist momentan einer der Inflationstreiber, also warum nicht gleich dort investieren? Viele Ölfirmen sind noch günstig zu haben. Außerdem zeichnen sich viele durch eine hervorragende Kapitaldisziplin mit üppigen Ausschüttungen und Aktienrückkäufen aus. Meine Favoriten sind momentan Ölserviceunternehmen wie oder und der Ölmulti .“
„Darüber hinaus“, sagt er, „finde ich interessant.“ Das Konglomerat verfüge über einen enormen Cash-Berg, der bei steigenden Zinsen immer höhere Renditen abwerfen werde. Außerdem könne er opportunistisch für Zukäufe genutzt werden. Und im Berkshire-Portfolio finden sich laut Wilsmann viele Firmen mit starken Marken und großer Preissetzungsmacht, ein großes Plus in inflationären Zeiten. „Auch Energie und Energietransport spielt eine große Rolle - ein guter Hedge gegen Inflation. Und das starke Versicherungsgeschäft sollte auch helfen, da die Einlagen zu besseren Zinsen investiert werden können.“ Genau aus diesem Grund hält er auch die -Aktie für aussichtsreich und widerspricht damit zumindest teilweise der Einschätzung Scheids: „Preissetzungsmacht und höhere Verzinsung der Einlagen“, würden für die Aktie sprechen.
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Bußmann: „Oracle ist einer der spannendsten Streitfälle im KI-Boom“
Auch Dr. Philip Bußmann hält wenig davon, einfach Growth zu verkaufen und Value zu kaufen: „Die wichtigere Frage lautet für mich: Welche Unternehmen werden durch hohe Kapitalkosten, Energiepreise und Künstliche Intelligenz strukturell geschwächt und welche gewinnen dadurch an Bedeutung?“ Jene Unternehmen, die aus diesen Veränderungen als Gewinner hervorgehen, versucht er möglichst früh für sein wikifolio Investment 4.0 zu identifizieren.
Dazu zählt laut Bußmann . „Oracle ist für mich aktuell einer der spannendsten Streitfälle im KI-Boom“, sagt der Trader. Die Skeptiker hätten angesichts der gewaltigen Investitionen in Rechenzentren, des negativen Free Cashflows und der hohen Abhängigkeit von wenigen KI-Kunden wie OpenAI zwar durchaus gute Argumente, diese Betrachtung greife aber zu kurz. „Das Unternehmen besitzt nicht nur Rechenzentren, sondern sitzt mit seinen Datenbanken und Unternehmensanwendungen tief in den Geschäftsprozessen großer Konzerne. Wenn KI-Agenten künftig viele Stunden wirtschaftlich wertvoller Arbeit übernehmen und dabei auf Unternehmensdaten zugreifen, Genehmigungen berücksichtigen und selbst Aktionen ausführen sollen, könnte diese Verbindung zwischen Rechenleistung, Daten und realen Workflows zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil werden. Und Oracle könnte sich als Infrastruktur zwischen den jeweils besten KI-Modellen und den geschäftskritischen Daten der Unternehmen etablieren.“ Bußmanns Fazit: „Wenn das gelingt, könnte Oracle deutlich mehr sein als nur der Vermieter von Rechenleistung für OpenAI.“
Auch die Profiteure des Speicherbooms, , und sind in Bußmanns wikifolio mit von der Partie. Er setzt darauf, dass das an sich zyklische Geschäft mit Halbleitern weniger zyklisch und damit planbarer wird. Erste Anzeichen dafür lieferte Micron, wie Bußmann erklärt. „Das Speicher-Geschäft war historisch extrem zyklisch: Die Knappheit lässt die Preise und Gewinne steigen, die Hersteller investieren, irgendwann entsteht Überangebot und die Gewinne brechen wieder ein. Micron schließt inzwischen aber mehrjährige Take-or-pay-Verträge mit großen Kunden ab. Diese verpflichten sich über mehrere Jahre zu bestimmten Abnahmemengen. Bei den meisten Vereinbarungen sind die Preise oder zumindest Preisunter- und -obergrenzen festgelegt.“ Wenn nun aber ein relevanter Teil der Produktion über Jahre hinsichtlich Menge und teilweise auch Preis abgesichert wird, könnte das Geschäft, so Bußmann, zukünftig weniger zyklisch sein, als es der Markt aus der Vergangenheit gewohnt ist. Und Micron könnte sich hohe Margen sichern, ergänzt der Trader: „Micron geht davon aus, dass die Bruttomargen dieser Verträge selbst bei den vereinbarten Preisuntergrenzen deutlich über den höchsten Quartalsmargen früherer Speicherzyklen liegen könnten.“
Die Frage, die es zu beantworten gelte, so Bußmann: „Sind die aktuellen Gewinne in der Branche nur die Spitze eines klassischen Speicherbooms oder verbessert sich gerade dauerhaft die Qualität und Planbarkeit eines Teils dieser Gewinne?“ Anders formuliert: Werden aus Zyklikern strukturelle Gewinner? Die Wahrscheinlichkeit besteht, glaubt Bußmann. Verlässt er sich darauf? Natürlich nicht.
Entsprechend setzt er neben den genannten Tech-Titeln noch auf 49 weitere Einzelaktien und 4 ETFs. Neben einem Faible für die Tech-Branche schätzt Bußmann unter anderem auch Edelmetalle in Aktienform. Größte Einzelaktie im Portfolio ist der Bergbaukonzern . Die Aktie kam zuletzt auf ein Gewicht von 6,9 %. Größter ETF ist der , der auf Silberproduzenten setzt. Sein Anteil zuletzt: Gut 15 %. Ebenfalls mit dabei: , eine Aktie, die auch Scheid aktuell in seinem wikifolio hält.
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Fazit
Alle vier genannten wikifolios unterscheiden sich grundlegend voneinander, genau wie die verantwortlichen Trader. Aber keiner von ihnen hält die Strategie „Growth raus, Value rein“ für valide, um sein Depot vor steigenden Zinsen zu schützen. Wenig überraschend: Entscheidend sei die Lage des einzelnen Unternehmens. So kann auch ein Tech-Unternehmen im aktuellen Umfeld ein solider Pick sein. Was umso mehr überrascht: Alle vier Top-Trader halten Aktien der Rohstoff- und Edelmetallbranche in inflationärem Umfeld samt steigender Zinsen für attraktiv. Und in allen vier wikifolios sind sie aktuell vertreten – mal weniger, mal mehr.
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