04.11.2017| Von: Andreas Kern |

 

Portrait Andreas Kern


Liebe Leser,

nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen, heißt es im Volksmund. Gemeint ist damit jene Trägheit, die sich regelmäßig einstellt, wenn Müßiggang und üppiges Essen über ein paar Tage Hand in Hand gehen. Falls dann auch noch das Wetter den passenden Vorwand liefert, nicht vor die Tür zu gehen, ist der Dreiklang perfekt. Lediglich Börsianern scheint solche Feiertagsträgheit fremd zu sein. Sie trieben den DAX an Allerheiligen auf ein neues Allzeithoch – echte Feiertagslaune also! Die Spruchweisheit geht übrigens auf ein Zitat von Johann Wolfgang von Goethe zurück: „Alles in der Welt lässt sich ertragen, nur nicht eine Reihe von schönen Tagen“ Und forscht man weiter, dann finden sich Vorläufer dieses Zitats auch bei Martin Luther. Dessen Thesenanschlag an der Schlosskirche zu Wittenberg jährte sich diese Woche zum 500sten Mal, was allerdings seinerzeit den kirchlichen Würdenträgern den darauffolgenden Feiertag gründlich verdarb.

 Feiertagslaune

Luther reloaded

Nun ist es mit historischen Persönlichkeiten so eine Sache. Jede Zeit und jeder Zeitgeist pickt sich just jene Facetten heraus, die besonders gut zur Situation oder zur Agenda passen – wenn einmal fünf Jahrhunderte ins Land gegangen sind, kann man sich ziemlich sicher sein, dass niemand mehr Einspruch erhebt, der den Betreffenden noch persönlich kannte. Der Rest ist Interpretation. Würde Luther heute auf einer der vielen, zu seinen Ehren veranstalteten Feierstunden vorbeischauen, er hätte wohl Mühe, sich in der weichgespülten Luther-Version des Jahres 2017 zu erkennen. Auch seine Thesen – immerhin stolze 95 an der Zahl – dürften seinen heutigen Anhängern überwiegend unbekannt sein, außer vielleicht sein (späterer) Feldzug gegen den päpstlichen Ablasshandel. Im Prinzip hatte Rom nämlich damit das ultimative Geschäftsmodell entwickelt: Ein Monopol, das mit dem Ablass eine Ware anbot, die sich ohne nennenswerten Aufwand herstellen ließ und bei der man aus naheliegenden Gründen keine Reklamationen zu fürchten brauchte. Dennoch genügte eine vergleichsweise kleine Gruppe, um das einträgliche Geschäft zu zerstören. Nichts ist also für die Ewigkeit gebaut. Übrigens: Hätte Luther seine Thesen erst heute im Internet angeschlagen, wären sie vermutlich unmittelbar als „Hatespeech“ gelöscht worden.

 

These 1: Begrenze Deine Verluste!

Aber nicht nur in Glaubensdingen gibt es Thesen, die durch die Realität bestätigt werden sollten. Eine These, die sich beim Trading immer und immer wieder als erfolgreiche Herangehensweise bestätigt hat, ist die strikte Begrenzung von Verlusten. Das hat mathematische und psychologische Gründe: Denn erstens steigt mit der prozentualen Verlusthöhe der für einen Ausgleich notwendige prozentuale Gewinn überproportional an. Um beispielsweise 50% Verlust auszugleichen sind bereits 100% Gewinn notwendig.

Tradingchancen dt. Nebenwerte

Zweitens kostet es umso mehr Überwindung eine Verlustposition zu schließen, je größer diese bereits geworden ist, heißt dies doch, die Hoffnung auf Erholung endgültig aufzugeben und den Verlust manifest werden zu lassen. Das wikifolio „Tradingchancen dt. Nebenwerte“ von Trader „joibaer“ zeigt exemplarisch, worum es geht: Im Reiter „Aktuelles Portfolio“ findet sich unter knapp 25 Positionen eine einzige mit einem niedrigen zweistelligen Prozentverlust. Alle anderen sind im Gewinn oder befinden sich leicht, also im niedrigen einstelligen Prozentbereich im Minus. Natürlich kann immer einmal eine Position „durchrutschen“, etwa wenn eine Aktie mit einem Abwärts-Gap eröffnet. Ansonsten ist es aber ein untrügliches Zeichen für Professionalität, dass Verluste bereits dann mitgenommen werden, wenn sie noch nicht schmerzen und realistischer Weise auch wieder aufgeholt werden können.

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These 2: Lasse Deine Gewinne laufen!

Die zweite These betrifft jene Positionen, die im Plus sind. Gewinner laufen zu lassen ist ebenfalls keine neue, aber dafür eine umso überzeugendere Idee. Das bedeutet nun nicht, dass man Gewinner so lange halten soll, bis sie irgendwann Verlierer werden, aber es bedeutet, seine Gewinner nicht alleine deshalb zu verkaufen, weil man sein Ego mal mit einer schönen Gewinnmitnahme belohnen möchte. Ist dies tatsächlich der einzige Verkaufsgrund, dann sollte These 2 greifen. Trader „Manfredos“ zeigt in seinem wikifolio „Pferde in Form“, was gemeint ist: 

Pferde in Form

In der Ansicht „Aktuelles Portfolio“ finden sich zwar etwas größere Verlustpositionen als im vorangegangenen wikifolio, allerdings sind sie ausnahmslos im einstelligen oder niedrigen zweistelligen Prozentbereich. Wirklich in sich haben es dagegen die Gewinner: Eine Position weist einen Gewinn von mehr als 60%, zwei von mehr als 50% und zwei von mehr als 40% aus. Das bringt uns nahtlos zu These 3.

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These 3: Auf den Erwartungswert kommt es an

Unter dem Erwartungswert versteht man kurz gesagt den erwarteten durchschnittlichen Gewinn einer Position. Dieser sollte natürlich positiv sein, sonst wäre die ganze Anlagetätigkeit vergebliche Liebesmüh. Dabei sind die Wege zu einem positiven Erwartungswert durchaus unterschiedlich. Idealerweise hat man viele große Gewinner und wenige kleine Verlierer. Aber auch realistischere Konstellation mit wenigen großen Gewinnern und vielen kleinen Verlierern funktionieren in der Praxis hervorragend – vorausgesetzt die Verhältnisse stimmen.

Europa Finest Selection

Ob der Erwartungswert künftiger Anlagen positiv sein wird, kann man zwar nicht wissen, ein Blick auf die Historie liefert jedoch einen guten Anhaltspunkt, etwa in Form einer steigenden Kapitalkurve. Beim wikifolio „Europa Finest Selection“, das Trader „ValueHunter“ managt, weist diese steil nach oben. Auch die Übersicht „Aktuelles Portfolio“ bestätigt diesen Eindruck. Drei Verlierern im niedrigen einstelligen Prozentbereich stehen aktuell neun Gewinner gegenüber – der Spitzenreiter mit einem Plus von rund 90%. Wer die Historie etwas genauer aufschlüsseln will, findet eine vollständige Auflistung aller Transaktionen in der Übersicht „Trades“.

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Was kommt?

Das sollten Anleger in der kommenden Woche im Auge behalten

In der nächsten Woche wird es dagegen an der Zahlenfront relativ ruhig. Am Montag wird die Bank of Japan ihr geldpolitisches Sitzungsprotokoll veröffentlichen. Am Mittwoch gibt China die neuesten Außenhandelszahlen bekannt. Am Donnerstag steht dann die Wachstumsprognose der EU-Kommission auf dem Programm. Die meisten Marktteilnehmer wissen allerdings, was von solchen Prognosen zu halten ist und reagieren entsprechend abgebrüht.

 

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