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„Ein großer Tag für den Weltfrieden“ – was Trader zur Waffenruhe im Iran-Krieg sagen

Glücklicherweise wurde die Welt heute nicht Zeuge davon, wie eine "ganze Zivilisation ausgelöscht" wird. Stattdessen dürfen wir einen "großen Tag für den Weltfrieden" erleben, sagt US-Präsident Donald Trump. Der Iran und die USA haben sich kurz vor Ablauf eines Ultimatums von Trump auf eine zweiwöchige Waffenruhe und die Öffnung der Straße von Hormus geeinigt. Börsianer feiern.

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Quelle: wikifolio.com

Die Einigung in allerletzter Minute zwischen den USA und dem Iran auf eine Waffenruhe sorgt bei Anlegern am Mittwoch weltweit für enorme Erleichterung. Der Iran hat einen Zehn-Punkte-Vorschlag übermittelt, der die Basis für die Verhandlungen in den kommenden zwei Wochen sein soll. Der von Pakistan vermittelten Waffenruhe, die auch für den Libanon gelten soll, haben alle zugestimmt – die USA, der Iran und auch Israel. Letztere griffen bis zuletzt aber weiter Ziele im Libanon an.

Die Öffnung der Straße von Hormus verkauft Trump als Erfolg, selbst wenn es keiner ist. Denn der Iran will Schutzgeld von zwei Millionen Dollar pro Schiff erpressen. Und: Die Meerenge war schon vor dem Krieg geöffnet und ohne „Maut“ zu passieren. „Big money will be made“, freut sich Trump in seinem Truth Social Post. Und auch die Märkte jubeln. Der Ölpreis handelt heute zweistellig tiefer, zuletzt bei 92 Dollar je Fass Brent-Öl. Öl-Aktien zählen zu den wenigen Verlierern. Shell oder BP fallen jeweils ca. 6 %. Der breite Markt indes steigt stark. Der DAX etwa lag zuletzt 5 % im Plus und eroberte die 24.000-Punkte-Marke zurück. Zum Stand vor Kriegsbeginn fehlen nun nur mehr weitere knapp 5 %.

Wie geht’s jetzt weiter? Worauf sollten Anleger achten? Wir haben ein paar Einschätzungen von Tradern hier für euch zusammengetragen.

Etwas Euphorie mitgenommen und raus

Christian Scheid macht den Anfang. Sein wikifolio Special Situations long/short handelt auf Allzeithoch. Er rät auch nach der Einigung auf eine Waffenruhe zur Zurückhaltung und von überstürzten Käufen ab. Der Trader hat heute sogar Positionen im wikifolio abgebaut und die Cashquote noch erhöht.

Chart

abc
cde

Kennzahlen

  • +897,7 %
    seit 09.11.2013
  • EUR 15.290.237
    Investiertes Kapital
  • +10,7 %
    Performance (1 J)
  • 14,5 %
    Volatilität (1 J)
Ø-Perf. pro Jahr: +20,2 %

Die Märkte jubeln. Sollte man in die Euphorie jetzt noch zukaufen?

Scheid: Nein. Ein zweiwöchiger Waffenstillstand ist noch kein Frieden. Solange kein belastbares Abkommen steht, bleibt das Rückschlagpotenzial erheblich. Wer jetzt in die Euphorie hineinkauft, bezahlt einen Preis, der bereits viel Positives vorwegnimmt. Geopolitische Krisen lösen sich selten so glatt auf, wie es der Markt in den ersten Stunden einpreist. Ich würde daher abwarten, bis sich die Lage tatsächlich dauerhaft entspannt, statt auf Basis eines vorläufigen Waffenstillstands volles Risiko zu fahren.

Ich habe einige Positionen abgebaut, so dass meine Cashquote mit rund 55 % so hoch ist wie noch nie in diesem Jahr. In einem Umfeld, in dem die nächste Eskalation ebenso denkbar ist wie eine Einigung, will ich handlungsfähig bleiben und nicht voll investiert in eine mögliche Gegenbewegung hineinlaufen.

Christian Scheid
Scheid

Planst du irgendwelche Trades in deinem wikifolio basierend auf der aktuellen Lage?

Ich hatte in Erwartung einer Entspannung kurzfristig auf steigende Märkte gesetzt und die dabei aufgelaufenen Gewinne zügig wieder mitgenommen. Darüber hinaus habe ich einige Positionen abgebaut, so dass meine Cashquote mit rund 55 % so hoch ist wie noch nie in diesem Jahr. In einem Umfeld, in dem die nächste Eskalation ebenso denkbar ist wie eine Einigung, will ich handlungsfähig bleiben und nicht voll investiert in eine mögliche Gegenbewegung hineinlaufen.

Wie wahrscheinlich ist eine Einigung zwischen Iran/USA/Israel in den nächsten beiden Wochen?

Das ist schwer einzuschätzen. Es hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab, die sich teilweise gegenseitig bedingen: die innenpolitische Lage im Iran, die Verhandlungsbereitschaft Israels, die Rolle der USA als Vermittler und nicht zuletzt die Frage, ob alle Seiten unter dem wirtschaftlichen Druck tatsächlich kompromissbereit sind. Ich würde die Wahrscheinlichkeit einer belastbaren Einigung innerhalb von zwei Wochen als eher gering einstufen. Möglich ist aber, dass der Waffenstillstand verlängert wird und so zumindest eine weitere Eskalation ausbleibt.

Angenommen es kommt zu einer Einigung. Die Straße von Hormus bleibt offen. Sehen wir dann neue Allzeithochs an den Börsen?

Nicht automatisch. Selbst wenn eine Einigung kommt und die Straße von Hormus offen bleibt, stellt sich die Frage, welchen Schaden die über Wochen extrem hohen Energiepreise in der Realwirtschaft angerichtet haben. Unternehmen mussten Margen opfern, Konsumenten haben weniger Kaufkraft, Lieferketten wurden erneut belastet. Diese Bremsspuren verschwinden nicht über Nacht. Für neue Allzeithochs braucht es mehr als geopolitische Entspannung, es braucht auch wirtschaftliche Substanz.

Was wird die Richtung der Börsen deiner Meinung nach bis Sommer bestimmen?

Eindeutig die Geldpolitik. Vor dem Irankonflikt tendierten die Notenbanken ohnehin zu steigenden Leitzinsen, weil die Inflation hartnäckiger blieb als erhofft. Der Energiepreisschock hat dieses Problem nochmals verschärft. Sollte sich an der restriktiven Haltung der Zentralbanken nichts ändern, werden es die Börsen schwer haben, nachhaltig nach oben zu laufen. Wenn die Liquidität knapper wird, nützt auch die schönste geopolitische Entspannung wenig.

Tech raus, mehr Öl rein

Marcel Stark führt das wikifolio Global Nascent Opportunities . Auch er bleibt skeptisch. Er hat die Verluste bei Öl-Aktien genutzt, um Positionen in dem Sektor aufzustocken. Tech-Aktien hat er in die Erholung hinein verkauft.

Chart

abc
cde

Kennzahlen

  • +211,7 %
    seit 09.08.2023
  • EUR 161.202
    Investiertes Kapital
  • +95,1 %
    Performance (1 J)
  • 51,1 %
    Volatilität (1 J)
Ø-Perf. pro Jahr: +53,9 %

Er kommentiert: „Die erhebliche Erholung der Indizes signalisiert für mich, dass der Markt glaubt, dass das Thema vom Tisch sei. Wir stehen de facto genau an demselben Punkt wie vor einigen Wochen schon, ein lediglicher Waffenstillstand bedeutet nicht, dass die Konfliktparteien eine langfristige und nachhaltige Einigung gefunden haben. Zudem ist derzeit noch völlig unklar, welche Länder der Waffenstillstand umfasst. Netanjahu hat bereits verlauten lassen, dass der Libanon nicht inkludiert ist. Zudem fliegen just in diesem Moment weiterhin Raketen auf verschiedene Golfstaaten.“ Außerdem sind für Stark einige Fragen rund um die Öffnung der Straße von Hormus noch nicht geklärt: „Wer räumt eigentlich diese ganzen Minen weg, die der Iran als Blockiermaßnahme gelegt hatte? Und in dem Zusammenhang: wer versichert die Schiffe, die Hormus passieren sollen?“

In der Konsequenz hat er einige Änderungen im wikfolio vorgenommen: „Ich habe die Erholung genutzt, um Tech-Positionen weiter zu reduzieren und Öl-Exposure zu erhöhen.“ Konkret hat er seine Shell -Position heute nochmal deutlich ausgebaut. Insgesamt kommt der britische Ölgigant jetzt auf einen Portfolioanteil von fast 19 %. Zugekauft hat er außerdem beim US-Ölunternehmen Par Pacific . Das Exposure verkleinert und dabei zweistellige Gewinne mitgenommen hat Stark indes wie kommentiert bei Tech-Aktien. Verkauft wurde ein Teil der Position in Micron Technology , Nebius und auch Commscope .

Grundsätzlich defensiv - bis auf Weiteres

Auch Philipp Struck bleibt vorsichtig - ist es allerdings schon seit letztem Jahr. Die Waffenruhe im Iran-Krieg und selbst eine Einigung in den kommenden zwei Wochen würde daran zunächst nichts ändern, sagt er. In seinem wikifolio Global Wealth Concentrated hält er weiterhin 30 % Cash und einen ETF auf kurzlaufende US-Staatsanleihen mit einem Anteil von nochmal 30 %. Dazu kommen Krypto-Shorts und zuletzt immer mal wieder eine kleine Spekulation auf steigende oder fallende Kurse im DAX.

Chart

abc
cde

Kennzahlen

  • +538,9 %
    seit 27.09.2023
  • EUR 25.665.035
    Investiertes Kapital
  • +61,1 %
    Performance (1 J)
  • 36,7 %
    Volatilität (1 J)
Ø-Perf. pro Jahr: +111,0 %

Er kommentiert: „Meine grundsätzliche Haltung bleibt zunächst vorsichtig. Für mich sieht die generelle Marktkorrektur noch nicht abgeschlossen aus – weder vom Zeitrahmen noch vom Umfang oder vom Sentiment. Wenn man sich Marktzyklen anschaut, dann ist das US-Midterm-Election-Year oft der schwächste Teil des Zyklus, insbesondere ab Mitte April.“ Außerdem würden sich die negativen Effekte des Iran-Krieges auf die globalen Lieferketten selbst bei einem dauerhaften Kriegsende nicht sofort in Luft auflösen, sagt er: „Vielmehr dürfte es Monate dauern, bis sich die Situation normalisiert. Hinzu kommt, dass es bereits vor Kriegsbeginn Anzeichen einer nachlassenden wirtschaftlichen Dynamik gab. Der Krieg hätte dann eher als zusätzlicher Beschleuniger einer bestehenden Entwicklung gedient – nicht als eigentliche Ursache der Makro-Schwäche.“

Die Märkte waren bereits vor dem Krieg in schwierigeres Fahrwasser geraten. Aus heutiger Sicht sind neue Höchststände kurzfristig eher unwahrscheinlich.

Philipp Struck
Chartdesigner

Struck hatte Anfang April einen DAX-Short ins wikifolio aufgenommen. Seine einzige Reaktion auf die Waffenruhe war nun, die Position heute Morgen zu reduzieren. Struck dazu: „Aufgrund der kurzfristig positiven Ereignisse habe ich die Hälfte meiner aktuellen DAX-Short-Position abgebaut. Wenn die Waffenruhe in den nächsten zwei Wochen hält, dürfte die Abwärtsdynamik in diesem Zeitraum begrenzt bleiben. Danach sehen wir weiter.“

Ob eine finale Einigung zwischen dem Iran und Israel sowie den USA in zwei Wochen tatsächlich möglich ist, kann natürlich auch Struck nicht mit Sicherheit sagen. Es dürfte schwierig werden, glaubt er: „Es wäre sehr interessant, hinter die Kulissen schauen zu können, um zu sehen, ob eine der Seiten wirklich geschwächt genug ist, um einem Kompromiss zuzustimmen. Fühlen sich dagegen beide Seiten noch auf der Siegesstraße, dürfte es deutlich komplizierter werden, eine tragfähige Einigung zu erzielen. Die zweiwöchige Waffenruhe und die anstehenden Verhandlungen sind grundsätzlich ein gutes Zeichen. Allerdings liegen die Positionen bei zentralen Punkten – insbesondere bei der Kontrolle der Straße von Hormus und beim Verbleib des iranischen Urans – vermutlich noch weit auseinander.“

So oder so, „Capital Preservation Modus“ bleibt für das wikifolio laut Struck die Devise: „Die Märkte waren bereits vor dem Krieg in schwierigeres Fahrwasser geraten: Der kapitalintensive Aufbau von KI-Kapazitäten ohne entsprechende Erträge wurde zunehmend kritisch gesehen. Verschiedene Branchen wurden abgestraft wegen möglicher negativer KI-Effekte auf ihre Geschäftsmodelle. Und der Private-Credit-Markt geriet unter Druck und wichtige Fondsgesellschaften mussten Fonds kurzfristig für Auszahlungen schließen. Gepaart mit der schon vor dem Krieg nachlassenden wirtschaftlichen Dynamik erscheinen kurzfristig neue Höchststände aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich.“

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Disclaimer: Jedes Investment in Wertpapiere und andere Anlageformen ist mit diversen Risiken behaftet. Es wird ausdrücklich auf die Risikofaktoren in den prospektrechtlichen Dokumenten der Lang & Schwarz Aktiengesellschaft (Endgültige Bedingungen, Basisprospekt nebst Nachträgen bzw. den Vereinfachten Prospekten) auf wikifolio.com, ls-tc.de und ls-d.ch hingewiesen. Du solltest den Prospekt lesen, bevor du eine Anlageentscheidung triffst, um die potenziellen Risiken und Chancen der Entscheidung, in die Wertpapiere zu investieren, vollends zu verstehen. Die Billigung des Prospekts von der zuständigen Behörde ist nicht als Befürwortung der angebotenen oder zum Handel an einem geregelten Markt zugelassenen Wertpapiere zu verstehen. Die Performance der wikifolios sowie der jeweiligen wikifolio-Zertifikate bezieht sich auf eine vergangene Wertentwicklung. Von dieser kann nicht auf die künftige Wertentwicklung geschlossen werden. Der Inhalt dieser Seite stellt keine Anlageberatung und auch keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren dar.