01.10.2014| Von: Robert Wanner |

Der TradersTalk geht in eine neue Runde: Dieses Mal haben wir mit Christian Scheid gesprochen.

Als "Scheid" setzt der Wirtschafts und Finanzjournalist seine Handelsansätze in Form von mehreren Strategien auf wikifolio.com um.Wie er zum Trading gekommen ist und welche Erfahrungen er dabei gesammelt hat, erfahren wir nachfolgend.

Viel Spaß beim Lesen!

Verraten Sie uns Ihren Namen.

Christian Scheid

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Unter welchen Usernamen sind Sie auf wikifolio.com zu finden?

Unter meinem richtigen Namen: „Scheid

Was sind Sie von Beruf?

Freier Wirtschafts- und Finanzjournalist.

Wie sind Sie zum Trading gekommen?

Ich bin 1996 durch das IPO der Deutschen Telekom auf die Börse aufmerksam geworden. Gut ein halbes Jahr später habe ich meine erste Aktie – Mühl Product & Service – gekauft. Sie hat mir aber leider auch gleich den ersten Verlust beschert. Kurz darauf entdeckte ich SAP und machte in kurzer Zeit die ersten Gewinne. Da hatte mich das Trading-Fieber erfasst.

Wie sieht bei Ihnen ein typischer Handelstag aus?

Ich starte um circa 6:30 Uhr mit einer Tasse Kaffee und ein, zwei Tageszeitungen. Um 7 Uhr fahre ich den Rechner hoch und sehe auf verschiedenen Nachrichtenportalen nach, ob es in der Nacht irgendwelche kursbewegenden Unternehmensmeldungen gab. Der außerbörsliche Handel beginnt dann um 7:30 Uhr. Da lässt sich schon mal das eine oder andere Schnäppchen machen – vor allem, weil viele Marktteilnehmer da noch gar nicht aktiv sind.

Wie viele wikifolios führen Sie derzeit? Sind Sie bereits „Real-Money“-Trader?

Ich führe fünf wikifolios, denen drei verschiedene Strategien zugrunde liegen. Breit diversifiziert ist das wikifolio „Special Situations“, mit dem ich vor allem in deutsche Nebenwerten investiere, die sich in Sondersituationen befinden. Spekulativer geht es im wikifolio „Wachstum mit nur einer Aktie“ zu. Hier investiere ich – wie es der Name schon andeutet – immer nur in einen Wert. Beide wikifolios gibt es auch in der „long/short-Variante“, also mit Hebelprodukten. Hier gehe ich zusätzlich Absicherungspositionen ein und nutze zudem gezielt Short-Chancen in Einzelaktien. Das fünfte wikifolio setzt auf „Übernahmekandidaten“ und heißt auch so. Es ist langfristig angelegt, entsprechend finden auch weniger Umschichtungen statt. In den drei größten der fünf wikifolios bin ich auch selbst investiert.

Was sind für Sie die Gründe, Ihre Handelsstrategie als wikifolio zu veröffentlichen?

Der Social-Trading-Ansatz, den wikifolio verfolgt, ist völlig neu und zukunftsträchtig. Da wollte ich einfach dabei sein. Auf der Plattform profitiert jeder von jedem. Das gefällt mir eigentlich am besten.

Was zeichnet grob umrissen Ihren Handelsstil (auf wikifolio.com) aus?

Ich bin täglich aktiv und handele spekulativ, behalte dabei aber stets die Risiken im Auge. Eines meiner obersten Regeln ist die Verlustbegrenzung. Geht eine Trading-Idee nicht auf, stelle ich ohne zu zögern glatt. Auch wenn dabei ein Verlust resultiert.

Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung Ihrer wikifolios?

Ganz zufrieden ist man ja nie. Vor allem längere Seitwärtsbewegungen wünsche ich weder mir noch meinen Followern. Aber Trading ist eben ein ständiger Lernprozess. Auch ich versuche, stetig besser zu werden.

Was war Ihr Trading-Highlight der letzten 360 Tage?

Ich habe in meinem wikifolio „Wachstum mit 1 Aktie long/short“ rechtzeitig auf Yahoo gesetzt und fast zum Top verkauft. Yahoo ist einer der Hauptprofiteure des Börsengangs von Alibaba. Schließlich halten die Amerikaner eine große Beteiligung an dem chinesischen Internetkonzern.

Wie beurteilen Sie das Börsenjahr 2014?

Schwieriger als gedacht. Klar: Nach dem Traumjahr 2013 waren wir auch verwöhnt. Je nachdem, wie gut die Märkte die im kommenden Jahr drohende Zinswende in den USA verarbeiten, ist aber ein versöhnlicher Jahresausklang möglich. Ähnlich wie 1998 und 2010 hinken viele Fonds ihrer Benchmark hinterher und stehen unter großem Performancedruck. Der dürfte zunehmen, je näher das Jahresende rückt.

Welche Märkte machen aktuell am meisten Spaß/Sinn?

Richtig Spaß machen hoch liquide Aktien, wie sie an der US-Computerbörse Nasdaq gelistet sind.

Welche Aktien bzw. Wertpapiere favorisieren Sie aktuell auf mittelfristige Sicht?

Aktien von Internetfirmen. Die Entwicklung von Facebook & Co. steht erst am Anfang. Die vielen neuen Geschäftsmodelle, denen am Anfang niemand etwas zugetraut hat, werden die Welt verändern. Auch Biotechaktien halte ich langfristig für äußerst aussichtsreich.

Welches war Ihre härteste Lektion, die Sie am Markt erfahren mussten?

Man kann noch so überzeugt sein von einer Aktie: Wenn der Markt anderer Meinung ist, hat man keine Chance. Diese schmerzhafte Erfahrung machte ich Ende 2013/Anfang 2014 mit einem Engagement in Nordex. Am Ende habe ich entnervt verkauft. Nun steht die Aktie deutlich höher.

Welche Ratschläge würden Sie einem Einsteiger mit auf den Weg geben?

Viel Zeit mitbringen. Viel lesen. Viel üben. Und das Setzen von Stoppkursen nicht vergessen. Denn es gibt nichts Schlimmeres, als wenn die ersten Trading-Gehversuche mit hohen Verlusten enden.

Welches Buch können Sie anderen Tradern empfehlen?

Jesse Livermore: „Das Spiel der Spiele“ – ein Klassiker, den jeder Trader unbedingt gelesen haben sollte.